Kreuzberg : Der Traum des türkischen Verlegers

Seit fünf Jahren lebt Recai Hallac in Berlin: "Nur hier fühle ich mich heimisch." Nun nutzt er seine Kontakte in die Literaturszene.

Stefan Berkholz
Hallac
Sein Quartier. Recai Hallac gründete am Kreuzberger Engelbecken seinen Verlag Edition Galata. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Recai Hallac ist ein gefragter Mann in der Vermittlung zwischen der Türkei und Deutschland. Hallac ist Simultandolmetscher, er kennt sich zudem gut in der türkischen Literaturszene aus. Seit kurzem hat er einen eigenen Verlag in Berlin: die Edition Galata, mit freiem Blick auf das Engelbecken in Kreuzberg.

„Galata nennt sich ein Stadtteil in Istanbul, in dem einst Minderheiten in der Mehrheit waren“, erklärt Hallac. Vom Galataturm aus hat man einen weiten Blick über den Bosporus und die Altstadt. In den Gassen ist ein vielsprachiges Stimmengewirr zu vernehmen. Und außerdem flog einst der erste Mensch des Osmanischen Reiches vom Galataturm aus mit einem selbst gebauten Fluggerät über den Bosporus auf die andere Seite und landete dort auf einem Hügel. Ein unvorstellbarer, aber geglückter Traum.

So soll der Name Programm sein für Recai Hallac. Seine vielen Kontakte zur türkischen Literaturszene kommen ihm dabei zugute. Zudem wurde Hallac durch die jüngste Aufgeschlossenheit in seiner Heimat ermutigt. „Viele Jahrzehnte lang hat der türkische Staat die Literatur als den Hauptfeind betrachtet“, erzählt er. Schriftsteller kamen ins Gefängnis, man verweigerte ihnen die Ausreise, selbst wenn sie schwer krank waren. „Sogar sehr großen Schriftstellern wie Yasar Kemal ist das passiert“, sagt Hallac. Der Staat habe wenig getan, um die Literatur zu fördern, ja er unternahm eine Menge, um sie zu verhindern. Seitdem die Türkei sich um den Beitritt zur EU bemüht, habe sich das grundlegend gewandelt. Der türkische Staat reagiere gemäßigter, er habe sich für die Literatur geöffnet. Schriftsteller werden unterstützt, Übersetzungen gefördert. Eine völlig neue Situation.

Ein Anstoß auch für Hallac, seinen eigenen Verlag zu gründen. „Wir fangen mit türkischer Literatur an“, sagt er, dabei werde es aber nicht bleiben. „Unser Konzept nenne ich ,Surrounding Europe‘. Das heißt, die Kulturen und Literaturen um Europa herum interessieren uns, und dabei vor allem jene östlich und südlich von Europa.“

Recai Hallac ist 1962 in Istanbul geboren. Deutsch lernte er dort auf einer deutsch-türkischen Schule. Später machte er in Brüssel eine Ausbildung zum Simultandolmetscher, kehrte nach Istanbul zurück, spielte danach Theater in Mülheim an der Ruhr, arbeitete als Redakteur und Sprecher für den Hörfunk , ging nach Hamburg. Seit fünf Jahren lebt Hallac in Berlin. „Für jemand, der in Istanbul aufgewachsen ist“, sagt Hallac, „gibt es in Deutschland nur eine Stadt, in der er sich heimisch fühlen kann: Das ist Berlin.“ Denn nur hier spüre er, in einer Metropole zu leben. Das inspiriere ihn.

Zum Auftakt hat der Verleger zwei besondere türkische Romane in sein Programm aufnehmen können. Er hat sie auch beide selbst übersetzt. Zum einen ist es die zweite Erzählung von Asli Erdogan, die auf Deutsch erscheint, der Titel: „Der wundersame Mandarin“. Darin geht es um eine junge Türkin, die in Genf herumstreift und über ihr Leben nachdenkt. Zum zweiten hat Hallac das Hauptwerk von Ahmet Ümit, einem der bekanntesten türkischen Schriftsteller, herausgebracht. In „Patasana“ streift der Schriftsteller die großen Tabus der türkischen Gesellschaft: Das Kurdenproblem, das Thema des Völkermords an den Armeniern, die Befreiungsbewegungen.

Der Jungverleger blickt zuversichtlich in die Zukunft. Die Frankfurter Buchmesse im vergangenen Herbst mit dem Gastland Türkei sei ein gutes Signal gewesen, glaubt der Verleger. Zudem hoffe er auf eine weitere Liberalisierung seiner Heimat. Die käme nur dann, wenn die Hoffnung auf einen Beitritt zur EU bestehen bleibe. Komme dieser Prozess zum Erliegen, werde die Türkei in die alte Starre zurückfallen. „Sobald die Hoffnung schwindet, igelt sich die Türkei ein. Dann wird sie nationalistischer, konservativer, rassistisch“, urteilt Recai Hallac. Zusammen mit seinen Autoren möchte Hallac für eine weltoffene Türkei werben. Stefan Berkholz

Der Verlag im Netz:

www.galata-books.de

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