Kreuzberg : Der Traum vom gemeinsamen Stadtputz

Immer noch liegt tonnenweise Splitt auf den Berliner Straßen. Die BSR hofft, die Stadt bis Ostern sauber zu haben - sicher ist das nicht. Der Kreuzberger Thomas Feldmann glaubt nicht daran und startete am Samstag den zweiten freiwilligen Kiez-Putz.

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Zum zweiten "Clean-Up Kreuzberg" kamen nur drei Freiwillige ans Paul-Lincke-Ufer. -Foto: Christoph Spangenberg

Ostereier in Splitt und Dreck verstecken? Auf diese Idee würde wohl niemand kommen. Doch die in Berlin herum liegenden Schmutzhaufen verlocken beinahe dazu. Eigentlich wollen Stadt und BSR die Hauptstadt bis Ostern von den schmutzigen Hinterlassenschaften befreien, doch noch sind viele Gebiete dreckig. BSR-Sprecherin Sabine Thümler ist optimistisch: "Wir hoffen, dass wir bis Ostern möglichst viel gereinigt haben."

Daran glaubt der Kreuzberger Thomas Feldmann nicht und startete am Samstag den zweiten freiwilligen Kiez-Putz am Paul-Lincke-Ufer und in der Manteuffelstraße. Doch das reicht Feldmann nicht: Er will alle Berliner an einem Wochenende zum Putzen ihrer Stadt bringen.

Für den ehrgeizigen Plan will sich der 46-Jährige mit allen Verantwortlichen für das Erscheinungsbild der Stadt treffen. Kommende Woche will er sich um ein Gespräch mit der BSR-Geschäftsleitung bemühen. Sein Traum: Ein Reinemach-Wochenende soll für die Berliner so selbstverständlich sein wie das Rausstellen des Weihnachtsbaums.

Doch dafür braucht Feldmann die Unterstützung der Mitbürger. Die wurde ihm am Samstag teilweise versagt: Zum zweiten "Clean-Up Kreuzberg" kamen nur drei Freiwillige ans Paul-Lincke-Ufer. Die Mitschrubber der ersten Aktion vom vorvergangenen Samstag erschienen gar nicht, obwohl acht von ihnen zugesagt hätten, sagt Feldmann. Übel nimmt er es ihnen nicht, sie hätten schließlich viel gearbeitet. Feldmanns Einsatz versteht nicht jeder: "Einige meiner Bekannten haben mich deswegen schon als Verrückten bezeichnet." Dem Kreuzberger ist das egal. Er wollte nicht länger auf Wegen voller Splitt, Hundekot und Müll laufen und organisierte vergangene Woche spontan ein freiwilliges Straßenfegen am Paul-Lincke-Ufer. "Es kann doch nicht wahr sein, dass die BSR mit dem Reinigen der Stadt so lange braucht", sagt Feldmann verärgert. Seit zwei Wochen habe keine Kehrmaschine mehr den Schmutz vom Paul-Lincke-Ufer gefegt.

Das ärgert Spaziergänger und die Anwohner des Paul-Lincke-Ufers sowie umliegender Straßen. "Berlin sieht unter aller Sau aus", klagt Maciano Matschie. Er müsse mit seiner kleinen Tochter im Slalom um die Hundehaufen laufen. Matschie wohnt in der Manteuffelstraße. An deren Straßenrand warten Fernseher, eine Couch und zwei Computerdrucker darauf, dass sie jemand entsorgt. Matschie fühlt sich von der BSR vernachlässigt, sie putze nur bestimmte Bereiche. Dass noch Silvesterdreck herumliege, erinnere nicht an die erste Welt, sagt Helfer Kai Kottenstede. Er habe noch in keiner Stadt gelebt, die so schmutzig sei. Karin Bhatty schämt sich für den Dreck: "Das soll eine Hauptstadt sein?"

Während einige der Helfer und Passanten Verständnis dafür zeigen, dass sich der Frühjahrsputz verzögert, verurteilen sie umso mehr die Einwohner Berlins. Die würden schließlich den Müll achtlos auf den Boden werfen. "Die wenigsten interessiert ihr Kiez", klagt Matschie. Den Grund sieht er in der hohen Fluktuation.

Wann welcher Berliner Ortsteil endgültig sauber vom Schmutz des Winters ist, kann die BSR nicht sagen. Einen genauen Plan gebe es nicht. Man arbeite gleichzeitig alle Bezirke ab, zuerst zentrale Bereiche mit viel Publikumsverkehr, zuletzt kommen Wohn- und Nebenstraßen dran, sagt Sprecherin Sabine Thümler. Der in den vergangenen Nächten zurück gekehrte Winter hätte von der Straßenreinigung außerdem erneuten Winterdienst gefordert.


Der Berliner Frühjahrsputz in Zahlen:

30.000 Tonnen Splitt muss die BSR von 10000 Kilometer Straßen und Gehwegen räumen. Da aber Straßen als auch Wege in beide Richtungen gesäubert werden müssen, stehen die Mitarbeiter vor insgesamt 20000 Arbeitskilometern.

3600 Arbeitskräfte kümmern sich um den Winterdreck, unter ihnen 650 zusätzlich angeforderte Helfer und 350 Arbeitslose.

Insgesamt sind von der BSR 580 Maschinen im Einsatz, darunter 62 große Kehrfahrzeuge, die auf Straßen fegen und 128 kleine auf den Gehwegen. 18 so genannte Bagger-Saug-Fahrzeuge pumpen mit einem Schlauch die Gullys sauber. 43 kleine Lastwagen haben einen Kran montiert, der die Splitthaufen von der Straße auf die Ladefläche hievt.

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