Kreuzberg : Der Tresen, der die Welt bedeutet

Der Schriftsteller Tobias Schwartz hat ein Theaterstück über seine Stammkneipe geschrieben. Am heutigen Donnerstag ist Premiere – an der Theke der "Destille" am Mehringdamm.

Jan Oberländer
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Tobias Schwartz am Tresen seiner Stammkneipe "Destille". -Foto: Heerde

Berlin"Alles, was man auf der Welt erleben kann, kann man in der Kneipe erleben." Der Schriftsteller Tobias Schwartz lehnt sich gut gelaunt zurück. Natürlich war das jetzt ein ziemlich volltönender Satz. Aber er bringt den Grundgedanken seines neuen Theaterstücks auf den Punkt. Schwartz hat der Kreuzberger Kiezpinte "Destille" am Mehringdamm, Ecke Bergmannstraße, einen gleichnamigen dramatischen Text gewidmet. Am heutigen Donnerstag um 20.30 Uhr wird er in einer Werkstattaufführung am authentischen Ort in Szene gesetzt.

Also, die "Destille". Fünf andere Kneipen dieses Namens gebe es in Berlin, ruft Wirt Karsten Humburg hinter der Theke hervor. Aber nur diese hier gebe es seit über 130 Jahren. Eine echte Berliner Kneipe, das sei die "Destille" – nicht weniger, vielleicht mehr. Ein schlauchförmiger Gastraum mit Aschenbechern auf den Tischen. Eine Dartscheibe, ein Daddelautomat, eine Leinwand für Fußballabende. Zehn Biersorten. Und über 30 hauseigene Obstbrände, die eine kleine Brennerei aus dem Umland exklusiv für Humburg herstellt. Ein Geheimtipp ist der Haselnusslikör, den Humburg längst nicht mehr flaschen-, sondern kanisterweise bezieht.

Tobias Schwartz wohnt nur ein paar Häuser weiter, die Kneipe ist sein "zweites Wohnzimmer", wie er sagt. Mit Wirt und Personal ist er per Du, sie nennen ihn ihren "Lieblingsschmierfinken". Der 1976 im niedersächsischen Osnabrück geborene Autor pflegt hier, im Bionade-bürgerlichen Teil Kreuzbergs mit der alten Postzustellnummer 61, ein geregeltes Bohemeleben, das – unter anderem – aus Lesen, Schreiben und Kneipieren besteht. Man denke nichts Falsches: Schwartz ist mitnichten ein Trunkenbold, auch wenn er Bier mag und Wein und durchdiskutierte Nächte am Destillentisch. Seit er 1997 nach Berlin kam, hat er nach eigenen Angaben drei Romane, mehrere Theaterstücke und etliche Erzählungen verfasst. Zuletzt, im September 2007, ist sein Roman "Film B" erschienen, eine Bühnenversion der Geschichte hatte im April 2008 im "4. Stock" der Volksbühne Premiere.

Und das neue Stück? Es habe einfach – im wahrsten Sinne des Wortes – nahe gelegen, die "Destille" literarisch zu verarbeiten, sagt Schwartz. Nicht nur, weil sich in Kneipen immer die besten Geschichten abspielten. Sondern auch, weil der Ort literaturhistorisch spannend sei. So erinnere ihn der Mehringdamm an den gleichnamigen expressionistischen Autor – auch wenn die Straße eben nicht nach dem Satiriker Walter, sondern nach dem Historiker Franz Mehring benannt ist. Jedenfalls sei es zumindest denkbar, dass der Dichterfürst Gottfried Benn, der in den Zwanzigerjahren eine Ecke weiter seine Hautarztpraxis hatte, in der "Destille" sein allabendliches Bier getrunken habe. Schwartz lässt seine Figuren denn auch reichlich Sauflyrik rezitieren. Sie handeln weniger, als dass sie Tresenphilosophien entwickeln. Das Stück ist wie ein guter Kneipenabend: Der Weg ist das Ziel. Es werden Witze erzählt und Dialekte imitiert, es wird geschäkert und geprügelt und irgendwann sehr leidenschaftlich gesungen.

Eine Inspirationsquelle beim Schreiben von „Destille“ war für Schwartz das barocke "Welttheater" des spanischen Dichters Calderón. Auch das Personal der "Destille" besteht aus allegorischen Typen – dem Arbeitslosen, dem Journalisten, der Österreicherin. Schwartz’ Protagonist, der Autor Gregor, hat so seine Probleme mit den überraschend widerspenstigen Tresengenossen.

Inszeniert wird das Ganze von Alexis Kremin, der bereits im vergangenen Jahr bei Schwartz’ Stück "Leben fährt weiter" im Orphtheater Regie geführt hat. An drei Terminen im September haben je rund 40 Zuschauer Gelegenheit, die mit viel Herzblut und fast ohne Budget produzierte Arbeit zu sehen. Eigentlich, sagt Wirt Humburg, bräuchte man noch zusätzliche Termine. 2Wir kriegen kaum die Stammgäste unter!" Das Publikum kann jedoch beruhigt sein. Wer keine Karte abkriegt, kann sich auf 2009 freuen. Dann soll „Destille“ in den Räumen des Orphtheaters offiziell uraufgeführt werden. Die Kneipenwelt – auf einer richtigen Theaterbühne.

Die Aufführungen finden heute sowie am 10. und 11. September in der "Destille", Mehringdamm 67, statt. Karten: 10 Euro, erm. 8 Euro. Sie können per E-Mail unter destille@georgmellert.de bestellt werden.

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