Kreuzberg : Gute Nachrichten aus dem Problemkiez

Drogenhandel, Gestank auf den Fluren, zu viele Menschen auf zu wenig Platz - das war die Düttmann-Siedlung. Doch jetzt kommen gute Nachrichten.

Daniel Stender
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Die Kiezlotsen von Kreuzberg.Foto: Mike Wolff

Er hat die Sperrmüllkammer im Erdgeschoss in ein Atelier verwandelt. Tagelang schrubbten und desinfizierten er und seine Frau die Kammer. Anfangs roch es nicht gut. Anfangs lag Dani Mansoor jeden Morgen auf der Lauer, um sein Atelier gegen den Müll der Nachbarn zu verteidigen. Mit Worten, natürlich. Freundlich, aber bestimmt. Diese zehn Quadratmeter ohne Fenster im Erdgeschoss waren besonders, das sollte jeder wissen. Daher malte er die Eisentür von außen blau und klebte ein Schild daran: Atelier Mansoor. Irgendwann war der Geruch in der Kammer verschwunden und der Müll, den die Nachbarn davorwarfen, auch.

Dani Mansoor hat eine Rumpelkammer entdeckt und an ein Atelier gedacht. Er hat in dem kleinen dreckigen Raum zweierlei gesehen: das, was er ist, und das, was er sein könnte.

Dani Mansoor wohnt in der Werner-Düttmann-Siedlung in Berlin-Kreuzberg. Er stammt aus dem Irak, vor fast 30 Jahren flüchtete er vor Saddam Hussein. 1984 kam er in Deutschland an mit zwei Plastiktüten in der Hand. Seit 2002 lebt er nun in dieser grauen Betonburg, die einer Festung gleich Anfang der 80er Jahre hochgezogen wurde zwischen dem Grün der Hasenheide und den Altbauten im angrenzenden Graefe-Kiez.

Fast alle, die heute hier leben, haben wie Dani Mansoor Flüchtlings- oder Migrantenbiografien, stammen aus der Türkei, Palästina, dem Irak, Libanon, Syrien, Albanien. Aber anders als Mansoor fehlt vielen der Blick für das, was sein könnte. Sie sehen kaum, „was ist“. Orientieren sich am „was war“. Bleiben in ihren Sprachen, Gepflogenheiten, ohne Anschluss an die Welt um sie herum mit ihren Anforderungen und Prinzipien.

So wurde die Werner-Düttmann-Siedlung, winzige 8,5 Hektar groß, ein sozialer Brennpunkt. Gangs handelten mit Drogen, die Grünflächen waren verkommen, die Flure waren dunkel und stanken, zu viele Menschen mit zu vielen Problemen lebten auf zu wenig Platz. Schon 1998 gab es erste Gegenmaßnahmen, Projekte, mit denen die Bewohner motiviert werden sollten zu Teilhabe, zu Integration, zum Mitmachen in Berlin. 2005 dann wurde die Siedlung in das Rettungsprogramm „Stadtteilmanagement“ aufgenommen. Und seitdem ist hier zu sehen, wie sich langsam, langsam etwas verändert. Gute Nachrichten aus einem Problemgebiet – so etwas ist selten in grauen Krisenzeiten.

Vielleicht ist gerade die geringe Größe der Siedlung eines der Erfolgsgeheimnisse. Weil sie so überschaubar ist, sind die Kontakte zwischen dem Stadtteilmanagement und den Bewohnern gut. Anders als in größeren Quartieren läuft hier vieles über persönliche Bekanntschaften: Man sieht sich fast jeden Tag. Das wirkt sich auch positiv auf die rund 15 Projekte aus, die 2009 mit 54 000 Euro aus verschiedenen Töpfen gefördert werden.

Als die Siedlung von Werner Düttmann gebaut wurde, einem der wichtigsten Vertreter der Nachkriegsmoderne, ab 1960 auch sechs Jahre lang Senatsbaudirektor von West-Berlin, da dachte der an ein Dorf in der Stadt. Abgeriegelt von Lärm und Dreck der Kreuzberger Umgebung mit ihren Kohleöfen und den alten Häusern. Also baute er einen Häuserriegel rund um die Siedlung, sozialer Wohnungsbau, drinnen fährt kein Auto mehr, da sollten Kinder spielen können.

Das Konzept ging zunächst auf, die Siedlung war beliebt. Menschen mit niedrigem Einkommen beantragten die nötigen Wohnberechtigungsscheine, zogen ein – aber auch wieder aus, als in den Folgejahren immer mehr Sozialfälle kamen, Personen, deren Miete das Amt zahlte. Viele Ausländer, Flüchtlinge. Verstört und perspektivlos. Und so klingen auch die meisten Geschichten, die man von hier hört. Geschichten von Menschen, die zu wenig Ideen haben für ihr Leben.

An den Wänden von Dani Mansoors Atelier, auf dem Fußboden, überall steht seine Kunst. Große bunte Bilder, eigenwillige Installationen. Ein angemalter Stuhl zum Beispiel, die Sitzfläche mit Nägeln gespickt. „Ich bin nicht hier zu Hause, aber auch nicht mehr im Irak. Das ist wie ein Stuhl, auf den man sich nicht setzen kann“, sagt Mansoor und wirkt dabei nicht unglücklich. Seine Kunst hilft ihm, die eigene Situation in Symbole zu übersetzen. Symbole, die dort Klarheit schaffen, wo die Sprache nicht hinreicht. An die Wand über der Tür seiner fensterlosen Kammer hat er sich ein Fenster gemalt. Den Himmel ganz blau und nah.

Mansoor engagiert sich inzwischen beim Stadtteilmanagement, übersetzt oder lädt Kinder ein in sein Atelier, will vermitteln, beflügeln.

Projekte. Integration. Oktay Özdemir kann diese Worte nicht mehr hören. „Die Leute sind schon so lange hier. Und immer wieder redet man so, als wären sie gerade erst gekommen!“, regt er sich auf.

Oktay Özdemir, 23, ist in der Siedlung aufgewachsen. Er wohnt schon einige Jahre nicht mehr hier, aber er kennt die Leute, und die Leute kennen ihn. Auf der Straße bleiben kleine Jungs stehen und sagen neugierig „Oktay, ich hab dich im Fernsehen gesehen!“ Oktay Özdemir ist Schauspieler. 2006 hat er in Detlev Bucks Neukölln-Drama „Knallhart“ gespielt und einen Preis als bester jugendlicher Nebendarsteller bekommen. David Kross, mit dem Özdemir in „Knallhart“ vor der Kamera stand, spielt nun mit der oscargekrönten Kate Winslet in „Der Vorleser“.

Und doch, sagt sein Agent, gebe Özdemir keine Interviews mehr. Weil alle Journalisten immer nur mit ihm über Integration reden wollen. Özdemir verkörpert für viele Zuschauer den Prototyp des jungen, aggressiven Migranten. Er war derjenige in „Knallhart“, der den neuen Mitschüler aus Neukölln quält. Und ein Jahr später hat er in dem Film „Wut“ eine ähnliche Rolle gespielt. Bleibt ein Schauspieler, der türkische Wurzeln hat und aus einer Problemgegend kommt, auf solche Rollen abonniert? In „Vorstadtkrokodile“, seinem neuen Film, spielt Özdemir wieder den bösen Buben.

Aber er weiß, was sein könnte: „Die Leute hier haben so viel Energie, genau das, was Hollywood will“, sagt Özdemir und setzt sich seinen Ganovenhut auf, denn er ist in Eile, übers Wochenende hat er noch einen Drehtermin außerhalb. An der Urbanstraße grüßen ihn ein paar Jungs. Özdemir eilt über die Straße, raus aus einer Welt, die mal seine war.

Hinein in eine Welt, die, nur Meter weiter, seit einiger Zeit dabei ist, sich zu verhübschen, teuer zu werden, edler, und die Siedlung an ihrem Rand weit zurücklässt. Da wird eine Querstraße weiter der alte Gasometer zu einem edlen Wohnquartier umgebaut, immer neue Läden öffnen mit teuren Lebensmitteln, exklusiven Weinen oder Kleidern.

Das sieht auch Dani Mansoor. Wenn er aus seiner Siedlung über die Urbanstraße geht, dann, sagt er, ist es, als gehe er in eine andere Welt. Nach Deutschland. In den Graefe-Kiez auf der anderen Seite der Urbanstraße. Wo die Restaurants Marqués und die Bars Mathilda heißen. Wo mit kleinen Zetteln an Laternenpfosten „Akademiker, (31) und (36), eine 3-4-Zimmerwohnung, Altbau, mit Balkon und Badewanne“ suchen und „auch Provision zahlen“ würden, um hierher, verkehrsberuhigte Straßen, sanierte Gründerzeitbauten, zu ziehen.

Auch die Düttmann-Siedlung liegt ja an der Graefestraße, aber das einzige Geschäft in ihrem Abschnitt, heißt „Marathon. Wohnungsauflösung und Entrümpelung“. Und die Siedlung liegt auch an der Urbanstraße, einer Hauptverkehrsader, vor der den Eltern hier graut. Einige Wochen zuvor wurde ein arabischer Jugendlicher überfahren. Es war gegen acht Uhr abends. Er rannte, um den Bus der Linie 41 zu kriegen, der auf der anderen Seite fährt. Die Ampel war gerade schon rot geworden, aber dem Jungen kam sie noch nicht rot genug vor, um stehen zu bleiben. Einem türkischen Jugendlichen aber, der in seinem Auto über die Urbanstraße raste, schien die Ampel auch gerade schon nicht mehr rot genug, um zu bremsen. Er fuhr 120 Stundenkilometer. Der arabische Jugendliche starb auf dem Mittelstreifen der Straße, auf halbem Weg nach Deutschland. Wo zwischen spärlichem Rasengrün und Supermarktreklame lange die Rosen der Freunde und der Familie daran erinnerten, dass sie ihn nicht vergessen. Der Fahrer, heißt es, könne froh sein, wenn er in die Türkei abgeschoben werde. Hier bleiben sollte er besser nicht. „Wird dieser Unfall Blutrache auslösen?“, fragte kurz nach dem Unfall ein Boulevardblatt.

So sind die Geschichten, die man über die Düttmann-Siedlung liest. So müssen sie nicht sein, sagt Naif Hajaj. Und handelt danach: Naif Hajaj arbeitet bei dem Projekt der Kiezlotsen mit. Gemeinsam mit neun weiteren Bewohnern der Siedlung hilft der 51-Jährige, alltägliche Hürden zu meistern. Er besucht die Familien in ihren meist viel zu engen Wohnungen und erklärt die Regeln, nach denen Migranten in Deutschland leben. Viele Bewohner sind wie Naif Hajaj aus dem Libanon geflohen, andere kommen aus den Palästinensergebieten. Vieles dreht sich um den Status, den sie in Deutschland haben. „Duldung“ bedeutet so viel wie aufgeschobene Abschiebung. Eine richtige Aufenthaltserlaubnis gibt es erst gegen den Nachweis einer Arbeit. Die wiederum gibt es nicht für Leute, die nur noch kurz im Land bleiben. Daher bemisst sich die Qualität des Lebens hier nach der Dauer des genehmigten Aufenthalts: Sechs Monate sind eine schlechte Perspektive, drei Jahre gelten als eine kleine Ewigkeit. Naif Hajaj zum Beispiel war bei sechs Monaten angelangt, durch seine Arbeit bei den Kiezlotsen verlängerte sich sein Status auf lange zwei Jahre.

Viele ältere Bewohner verlassen die Siedlung nur, wenn sie müssen. Ihr Kontakt nach außen beschränkt sich auf die offiziellen Seiten Deutschlands. Behörden und Ärzte. Neulich hat Naif Hajaj einen Mann ins Urbankrankenhaus zurückgebracht. Eigentlich hätte er am Tag zuvor eine wichtige Operation gehabt, die Krankenschwestern sagten, er solle kurz warten. Der Mann sagte „Jaja“ und ging nach Hause. „Viele Bewohner verschweigen, wenn sie etwas nicht verstanden haben, weil sie sich schämen“, sagt Naif Hajaj.

Die Kiezlotsen sind nur eins der Projekte, die es hier gibt. Angelika Greis leitet das Stadtteilmanagement für die Düttmann-Siedlung. Vieles ist besser geworden, sagt sie. Seit damals gibt es einen neuen Bolzplatz und neue Spielplätze. Neue Müllcontainer, einen Quartiersrat, in dem die Bewohner ihre Siedlung mitgestalten. Es gibt Hausaufgabenhelfer, die die Kinder zu Hause aufsuchen und auch die Eltern kennenlernen. Es gibt eine interreligiöse Werkstatt, in der Jugendliche sich mit den Religionen Islam, Judentum und Christentum auseinandersetzen. Es gibt Mädchenfußball und Jungentage.

Aber nicht für jedes Problem gibt es ein Projekt. Ältere Jugendliche werden kaum erreicht. Und vieles erschwere, sagt Angelika Greis, der geschlossene Charakter der Siedlung, die burgähnlichen Mauern. Von außen gibt es nur selten Interesse an Kontakt mit den Bewohnern, und auch die selbst bleiben meist lieber unter sich.

Neulich hat Angelika Greis den Schritt aus der Siedlung gemacht. Mit 30 Kindern und Jugendlichen und 15 Erwachsenen ist sie zur Bürgerversammlung gegangen. Hier können die Bewohner des Bezirks den Vertretern des Bezirksamts erklären, wofür sie öffentliche Gelder ausgeben würden. Die Leute aus der Düttmann-Siedlung wollten bei diesem Bürgerhaushalt dabei sein, ein Zeichen setzen. Zeigen: „Wir sind auch da!“ Etwas überrumpelt waren die Organisatoren, mit so viel Andrang hatten sie nicht gerechnet. Plötzlich brauchte man mehr Stühle, mehr Tische. Und Naif Hajaj, der Kiezlotse, sollte aufs Podium, um zu übersetzen. Erst wollte er nicht. Aber dann tat er es doch, setzte sich nach vorn zum Bürgermeister, ans Mikrofon, ins Rampenlicht. Und für einen Moment waren sie, was sie sein könnten: Nachbarn.

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