Kreuzberg : SO36: Noch ist der Kampf nicht gewonnen

Der Ärger um das Kreuzberger SO36 geht weiter. Jetzt flatterte eine Kündigung ins Haus. Hausverwaltung, Klubbetreiber und Bezirksbürgermeister trafen sich gestern zu einem runden Tisch - mit Erfolg.

Johannes Radke
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Da war die Welt noch in Ordnung. Vor wenigen Wochen gab Campino mit den Toten Hosen im SO36 ein rauschendes Benefizkonzert. -Foto: Roland Owsnitzki

„Mit wehenden Fahnen werden wir untergehen“, schreit Sänger Campino in das Mikrofon. „Wir halten durch, wir warten noch, denn es ist noch nichts geschehen“. Vor ihm tanzen 600 verschwitzte Fans und singen jedes Wort mit. Von den Wänden perlt Wasser, in kurzen Abständen fliegen über die Köpfe der Zuschauer halb volle Bierbecher durch die Luft. Bei dem Toten-Hosen-Konzert vor wenigen Wochen im SO36 in Kreuzberg schien die Welt noch in Ordnung. Die Düsseldorfer waren angetreten, um den Kultklub vor dem Aus zu bewahren. Eine Schallschutzmauer für fast 80 000 Euro muss gebaut werden oder die Türen müssen für immer schließen. So lautet die Ansage des Ordnungsamtes. Als nach dem Konzert bekannt wurde, dass die Toten Hosen mit dem Benefizauftritt rund 18 000 Euro eingespielt hatten, war die Freude in Kreuzberg groß. Damit hatte der Klub, inklusive aller Spenden, die Hälfte des benötigten Geldes beisammen. Für viele galt das SO36 damit schon fast als gerettet.

Doch noch scheint der Kampf nicht gewonnen. Mitte des Monats hat die Hausverwaltung dem Betreiberverein eine Kündigung für März 2010 zukommen lassen. Begründet wurde das Schreiben damit, dass im August die Miete nicht pünktlich gezahlt wurde. Obwohl inzwischen das ausstehende Geld überwiesen wurde, scheint die Hausverwaltung das SO36 weiterhin loswerden zu wollen. Das SO36 hat daraufhin einen Anwalt hinzugezogen und der Kündigung widersprochen. Die Fronten sind verhärtet.

Bezirksbürgermeister Schulz muss wieder moderieren

Um in dem Konflikt zu vermitteln, hat sich jetzt der Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg Franz Schulz (Grüne) eingeschaltet. Gestern traf er Simone Stober von der Retus-Hausverwaltung und Lilo Unger vom Verein Opus 36, der den Klub betreibt, zu einem runden Tisch – mit Erfolg.

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Das SO36 ist seit 30 Jahren zentraler Bestandteil der musikalischen Subkultur Berlins. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

„Das Gespräch ist sehr konstruktiv verlaufen, wir hoffen daher, dass es noch zu einer Einigung kommen wird“, sagte Nanette Fleig vom SO36. Beide Parteien hätten sich jedoch vorerst eine Bedenkzeit erbeten, um weitere Schritte zu beraten. Laut seiner Pressestelle bewertet auch Schulz das Vermittlungsgespräch als positiv. Er lobte die konstruktive Atmosphäre der Verhandlungen. Die Hausverwaltung war gestern nicht zu erreichen.

Das 1978 eröffnete SO36 ist zentraler Bestandteil der musikalischen Subkultur Berlins. Zahllose Größen der Punk- und Darkwave-Szene, wie die Einstürzenden Neubauten oder die Ärzte, begannen hier ihre Karriere. Angefangen hatte der Streit mit der Hausverwaltung Anfang des Jahres. Weil ein Nachbar sich über den Lärm der Konzerte beschwerte, erhielt der Klub im Mai erste Auflagen vom Ordnungsamt. Die Lautstärke bei Veranstaltungen musste beschränkt werden, die Musikanlage wurde verplombt. Danach folgte für die Betreiber der Schock: Ohne den Bau der teuren Lärmschutzmauer könne der Betrieb nicht weitergehen. Doch dafür fehlte Geld. Mit „Soli-Shirts“, Spendenaufrufen und Benefizkonzerten machte sich der Verein ans Sammeln. Gleichzeitig liefen Gespräche mit Senat und Bauamt. Musiker und Künstler aus ganz Deutschland unterzeichneten einen Unterstützungsaufruf. Für sie sei Kreuzberg ohne den nach dem früheren Postbezirk SO36 benannten Klub undenkbar.

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