Kreuzberg : Zum An-die-Decke-Sehen

In der Wrangelstraße hat das Rock-Restaurant „Eckstück“ eröffnet. Streetartkünstler halfen bei der Gestaltung des Gebäudes – innen wie außen.

von
Das gesamte Fassadenwerk sieht man erst, wenn nachts die Rollläden runtergehen.Alle Bilder anzeigen
Foto: David von Becker
30.07.2010 15:28Das gesamte Fassadenwerk sieht man erst, wenn nachts die Rollläden runtergehen.

Es kann so viel schiefgehen kurz vor Eröffnung. Zum Beispiel: Bier und Cola sind schon lange geliefert, die Kühlanlage noch nicht. Na gut, erst mal alles in den Nebenraum schaffen, sagt Holger Mordhorst, dann will er schnell den Schuldigen anrufen und Druck machen, aber ach, bitte nicht schon wieder, das iPhone ist tot.

Eine Hommage an die Sixtinische Kapelle - oder besser eine Persiflage

Arg gestresst sieht Holger Mordhorst, 44, aus. Aber auch arg glücklich. Allein der Blick nach oben entschädigt ihn für viele Sorgen der letzten Wochen: Die komplette Decke ist verziert, mit Graffiti bekannter Berliner Streetartkünstler. Tim Robot, Herr von Bias, Czarnobyl, 1010 … Alle haben mitgemacht, sich ein passendes Motiv überlegt und es hier vor Ort aufgesprüht, im neuen Restaurant „Eckstück“ an der Kreuzberger Wrangelstraße Ecke Pücklerstraße. Es ist eine Hommage an die Sixtinische Kapelle geworden, oder besser eine Persiflage, denn wie im Gewölbe des Vatikans tragen alle Kunstwerke biblische Namen, bloß ernst nehmen sollte man das besser nicht. „Vertreibung aus dem Paradies“ etwa heißt der Beitrag des Berliner Streetartists Lake, er zeigt eine Schlachtszene zwischen Polizisten und Kreuzberger Demonstranten. Der Beamte im Wasserwerfer trägt einen Schweinekopf, der vermummte Krawallmacher das Kürzel „A.C.A.B.“ auf seinem Shirt. All Cops Are Bastards.

Berlin-Bezüge waren ausdrücklich erwünscht, erklärt Holger Mordhorst, während er sein Telefon auf den Kopf stellt. Er ist hier Betriebsleiter, ausgedacht hat sich das Konzept aber Inhaber Jochem Steinle, der auch schon das „Bond Berlin“ in der Knesebeckstraße in Charlottenburg aufbaute. Steinle liebt Streetart, hat sich in den vergangenen Jahren einige Werke zusammengekauft, richtig in Galerien, und dann bei sich zu Hause an die Wand gehängt. Warum nicht auch ein Restaurant damit schmücken, hat sich Jochem Steinle gedacht.

Viele Streetart-Werke sind nur bei Nacht sichtbar

Die meisten der im „Eckstück“ vertretenen Künstler gehören schon seit mehr als zehn Jahren zur aktiven Berliner Streetart-Szene, wer genau hinschaut, findet ihre Handschrift im Stadtbild wieder: Lake hat sich mehrfach auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain verewigt, der Mann mit dem Kürzel MTO besprüht seit langem Rollläden, so dass man seine Werke im Stadtbild nur bei Nacht erblicken kann, zum Beispiel an einem Elektronikladen in der Oranienstraße oder einem Kindergarten in der Neuköllner Nogatstraße. MTO hat sich der Außenwand des Eckstück angenommen, über dem Eingang ragt sein Werk vier Stockwerke hoch. Ganz oben thront der junge Rio Reiser mit vollem Haupthaar. Natürlich wurde vorher der Hausbesitzer um Erlaubnis gefragt. Der war schnell überzeugt und bald richtig begeistert, sagt Holger Mordhorst. Auch an der Fassade sieht man vermummte Demonstranten, einer ruft „Kill Yuppies!“ und zeigt den Mittelfinger. Das wirkt ein bisschen komisch angesichts der Stelltafel vor der Tür: „Preiselbeertorte 2,50 Euro“, hat der Kellner mit Kreide darangeschrieben.

Holger Mordhorst selbst hat nie gesprüht, nicht mal testweise in seiner Jugend, dafür hat er lange als Musikjournalist gearbeitet und am liebsten Rockmusiker interviewt. Im Juni erst saß er Slash gegenüber, dem Ex-Gitarristen von Guns N’ Roses. Wie der so war? „Nett, sympathisch und ruhig.“ Nüchtern auch, das ist bei Slash nicht die Regel. Holger Mordhorst möchte seine Kontakte in die Musikszene nutzen und künftig im Keller des Hauses Bands auftreten lassen. Und gerne auch DJs oder Comedians, Platz ist jedenfalls da. Über der Treppe nach unten klebt ein großes Graffito an der Wand. „Dr. Eckstück“ steht da in großen weißen Buchstaben auf rotem Grund. Wenn man sich vorstellen möchte, wie es unten im Keller später mal abgeht, soll man sich einfach den Punkt nach dem „Dr“ wegdenken, sagt Mordhorst.

Das Eckstück in der Wrangelstraße 20 hat täglich ab 11 Uhr geöffnet. Mehr Infos unter www.eckstueck.de.

Autor

5 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben