Krimitheater : Bei Eintritt Mord

Krimitheater ist nicht cool, aber populär. Die Fans treffen sich in Friedrichshain – diesen Montagabend feiert ein neues, bitterböses Stück Premiere.

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Auf der Montagskrimi-Bühne: Klaus Nothnagel und Christine Marx. Foto: Doris S.-Klaas
Auf der Montagskrimi-Bühne: Klaus Nothnagel und Christine Marx. Foto: Doris S.-Klaas

Krimitheater ist nicht hip. „Zu uns kommt keiner, der mit Kartoffelsalat beworfen werden oder Masturbation auf offener Bühne sehen will“, sagt Klaus Nothnagel und schaut zufrieden. Stattdessen kämen Großeltern und Enkel, „fast ein Stadttheaterpublikum“. Der Ex-Journalist und Vorleser und die Regisseurin und Schauspielerin Christine Marx haben 1997 das Lesetheater „Hörspiele zum Zugucken“ gegründet. Zum Repertoire gehören Kleist oder Goethe – und Krimis.

Seit März veranstalten sie im Zebrano-Theater die Reihe „Montagskrimi“. Heute hat in der kleinen, aber feinen Kleinkunstbühne in Friedrichshain, wo man als Zuschauer die Nase dicht am Knie des Künstlers hat, ein neuer Krimi Premiere: die durchgeknallte Moritat „Pfleger Peschl“. Peter Freys Story um einen biederen Fischpfleger, hungrige Haie, blutdürstige Piranhas und brünftige Kommunalpolitiker ist zwar spaßig und bitterböse, aber in Wilhelm-Busch-Manier gereimt und fällt damit schon mal durch das Beuteraster ultracooler Theatergänger.

„Wir sind altmodisch und wollen vor allem gut sprechen“, sagen Marx und Nothnagel. Mit ein paar schrägen Requisiten, Geräuschen und Musik aus der Blasebalgorgel wird daraus bei der Fischpfleger-Farce dann „Blödsinn auf hohem Niveau“. So wie vorher bei den aufgeführten Krimistoffen von Roald Dahl, Arthur Conan Doyle und Agatha Christie. Marx und Nothnagel nutzen Dramatik und Psychologie des Genres für skurrile Klamotten. Natürlich auch den Wiedererkennungseffekt von Sherlock Holmes oder Hercule Poirot und die Popularität der Verbrechergeschichten.

Krimifieber ist in Berlin stark ausgeprägt. Mindestens drei Buchhandlungen machen in Mord und Totschlag und unzählige Krimidinnershows ermitteln zwischen Suppe, Hauptgang und Dessert. Mit diesen schwer beliebten Mitmach-Mörderspielen wollen die überraschend wenigen ernsthaften Krimitheatermacher aber nichts zu tun haben.

„Dilettantismus ist das“, schnaubt Wolfgang Rumpf, „hat doch nichts mit Theater zu tun.“ Sein Berliner Kriminal-Theater schon, wie der Direktor findet. Gerade hat die eine von nur drei Krimibühnen Deutschlands zehnjähriges Jubiläum gefeiert. Und am Freitagabend brummt es trotz Sommerwetter und Fußball-WM im Hinterhof des Umspannwerks Ost. Der backsteinerne Industriebau in Friedrichshain beherbergt das mit Elektrokandelabern aufgegruselte 200-Plätze-Theater.

Obwohl jeder Krimifan auf Gottes Erdboden die 100 Millionen Mal verkaufte Schwarte „Zehn kleine Negerlein“ von Agatha Christie gelesen oder verfilmt gesehen hat, strömen die Leute. Großeltern, Eltern und Teenagerenkel, kleine Freundesgruppen, Paare. „Theater ist nun mal Gemeinschaftserlebnis, anders als Buch oder Film“, erklärt sich Regisseur Rumpf, der als Direktor auch das Kabarett Kneifzange leitet, das Phänomen.

Dass populäre Titel im Theater funktionieren, ist Konzept und immer wieder Hoffnung der Privatbühne, die zwar monothematisch, aber autorenmäßig weit gefächert ist. Von Agatha Christie bis Shakespeare machten sie alles, was mit Mord und Totschlag zu tun hat, sagt Wolfgang Rumpf. Auch Patricia Highsmith, Friedrich Dürrenmatt, Henning Mankell oder Felix Mitterer. Und im Gegensatz zum Montagskrimi im Zebrano deutlich mehr Drama als Komödie.

Was das Publikum angeht, macht Rumpf sich nichts vor: Der Hipster, der in die Schaubühne gehe, käme nicht hierher. Der Hochkultur suchende, der ins DT gehe, auch nicht. Aber für Leute, die das Theater sonst ganz mieden, sei die Hemmschwelle im Krimitheater niedriger.

„Weißt du schon, wer übrig bleibt? Ich hab’ keine Meinung.“ Die Sätze schwirren in der Theaterpause in x Variationen durch den Hinterhof. Komisch, keiner kann sich mehr an die Auflösung von Agatha Christies Insel-Metzelei erinnern. Krimitheatergänger aus Angermünde, Frohnau, Lichtenberg oder Tiergarten haben Gläser in der Hand und Fragezeichen im Gesicht. Lustiges Mörderraten ist sowieso nichts für Hipster. Gunda Bartels

„Pfleger Peschl“ im Zebrano-Theater, Sonntagstraße 8, Montag 19.30 Uhr, www.zebrano-theater.de. „Die Mausefalle“ im Berliner Kriminal-Theater, Palisadenstraße 48, Montag 20 Uhr, www.kriminaltheater.de, beide Friedrichshain

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