Kudamm-Theater : Not und Spiele

Seit Jahresanfang hat das Kudamm-Theater keinen Mietvertrag mehr. Doch Theaterdirektor Martin Woelffer will darum kämpfen, dass seine Bühne nicht abgerissen wird.

Woelffer
Entschlossen: Direktor Martin Woelffer in seinem Theater. -Foto: Kleist-Heinrich

Morgens bleibt das Auto stehen. Das hat ihm noch gefehlt. Wie unpassend. Martin Woelffer muss am Spielplan arbeiten, am ganz normalen Theaterbetrieb, muss auch Überzeugungsarbeit leisten, in einem rechtsfreien Raum, wie ihn das Theater am Kurfürstendamm darstellt. Seit etlichen Tagen nun schon ist der Mietvertrag abgelaufen. Eine nervenaufreibende Zeit. Nun noch die Sache mit dem Auto.

„Wir arbeiten mit Stars, die müssen sich festlegen, wissen woran sie sind“, sagt der Theaterdirektor. Für die benachbarte Komödie läuft der Mietvertrag Ende Juni ab. Die Schauspieler spielen mit, sind solidarisch. Wollen denn auch die Ballymore-Leute, die neuen irischen Eigentümer des Kudamm-Karrees, die Bühnen abreißen, Supermärkte draus machen? Martin Woelffer hat mit ihnen gesprochen – und weiß doch nicht, wie es weitergeht. „Wir sind wenigstens im Gespräch“, sagt er.

Das läuft offiziell über eine Anwaltskanzlei. Aber die Iren schauen sich auch selbst im Kudamm-Karree um. Sie scheinen zielgerichteter, gesprächsbereiter als die Voreigentümer – Deutsche Bank und Fortress –, meint Woelffer. Die Iren, sehr britisch wirkend, hätten sich von ihm die Bühnen zeigen lassen. Sehr interessiert. Dass zwei Supermärkte hineinpassen, haben sie nicht gesagt. „Für die ist das viel Geld, das verbrannt wird“, sagt Woelffer. Er meint das übrige Kudamm-Karree mit der Passage, nicht aber seine Theater mittendrin.

Es nervt ihn, dass die Diskussion über den Bühnenabriss nun schon drei Jahre dauert. Jetzt scheint fürs nächste halbe Jahr die heiße Entscheidungsphase zu kommen. Die neuen Eigentümer waren bei Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU). Pläne haben sie nicht vorgestellt, sich nur über das Planungsrecht informiert. Der Stadtrat sagt, er habe das Interesse Berlins an diesem Kulturstandort dargestellt. Man müsse abwarten.

An der Theaterkasse liegen die Unterschriftenlisten für die Rettung der Bühnen aus, 130000 Namen schon. Am Kurfürstendamm stehen eine lange, von Max Reinhardt begründete Theatertradition und 80 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Woelffer ist traurig, dass so viel Zeit und Energie damit verloren gehen, sich ständig um die Existenz zu sorgen. „Die Kreativität darf nicht flöten gehen“, schärft er seinem Team ein. Voriges Jahr waren manche Stücke mit heißer Nadel gestrickt.

Die große öffentliche Unterstützung tröstet den Direktor. Aber es gibt Alarmzeichen. Die Besucherzahlen sind gesunken, leicht, um nicht mal zehn Prozent. Aber das kann gefährlich werden. Es gibt Berliner, sagt er, die glauben gar nicht, dass es die Theater noch gibt. Er steht vor einem Rätsel. Weniger Besucher – für ein Privattheater, das nicht subventioniert wird und nur von der Kasseneinnahme lebt, ist das ein Problem. Er weiß, dass er sich konzentrieren muss, den Betrieb zu erhalten. Mit beiden Bühnen. Sich nicht darauf einlassen kann, eventuell eine zu opfern. Das wäre für das Unternehmen nicht wirtschaftlich.

Über Ersatzstandorte – der Spielplan geht bis Mitte 2009 – denkt er nicht nach, sagt er. Und versichert, er werde bis zum Letzten kämpfen, sich auch von einer Räumungsklage nicht beeindrucken lassen. Er fühlt sich als Rebell, als Hausbesetzer. Hemdsärmelig und in Jeans sieht er entschlossen wie ein Held im modernen Theater aus.

Er ist sicher, dass sich am Tag X, im Fall des schlechten Falles, die Bühnenstars aus dem Theater heraustragen lassen. Das wäre ein ungünstiges Szenario für einen Investor, der neu in Berlin ist, glaubt er. Die Eigentümer hat er als nette Leute kennengelernt. Fast stolz hätten sie gewirkt, als er ihnen die Theater zeigte, die ihnen doch nun gehörten.

Er selbst steht ohne Mietvertrag da, zahlt weiter 40000 Euro im Monat, kein Denkmalschutz winkt als Rettungsring. „Scheibchenweise aushungern“ lassen will sich Woelffer nicht. Langfristig sollte ein neuer Vertrag her, für zwanzig oder zehn Jahre – und bezahlbar.

Er sieht die Gefahr, dass ihn der Kampf übermächtigt, dass die Arbeit, der Betrieb leidet. Auch dagegen muss er kämpfen. In der Passage sieht er immer wieder die freundlichen Männer herumlaufen, sich Notizen machen. Er, im dritten Stock seines umbauten Theaters, muss Nerven behalten, über Spielplänen und Verträgen brüten. Er ist dünnhäutiger geworden. Sonst hätte ihn ein marodes Auto auch nicht so lange geärgert.

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