Stadtleben : Künstler bangen um ihre Jobs im Friedrichstadtpalast Senat freut sich über den personellen Coup

Der neue Chef kündigt Entlassungen an

Matthias Oloew

Natürlich waren die Angestellten des Friedrichstadtpalasts nicht begeistert, als Kultur-Staatssekretär André Schmitz (SPD) am Mittwochmorgen vor ihnen stand und das verkündete, was schon in der Zeitung stand: Der bisherige Chef Thomas Münstermann ist abgesetzt, der Neue ist ein Manager von der privaten Konkurrenz. Berndt Schmidt war bislang bei der Stage Entertainment in Stuttgart beschäftigt und soll das Ruder im krisengeschüttelten Showpalast an der Friedrichstraße herumreißen. „Ohne Kündigungen wird das nicht gehen“, hat er gesagt und damit Offenheit signalisiert. Damit hat er aber zunächst vor allem Unruhe produziert.

295 Namen stehen auf der Gehaltsliste des traditionsreichen Revuetheaters, das in den vergangenen Jahren immer stärker in die Krise gerutscht ist. Schon mit der letzten Produktion unter der Ära von Ex-Intendant Alexander Iljinkij („Hexen“) waren die Besucherzahlen deutlich zurückgegangen und rutschten unter dem Nachfolger Münstermann noch stärker ab. Zuletzt konnte das Haus, das einst mit Auslastungsquoten von mehr als 90 Prozent glänzte, nur noch gut die Hälfte der Eintrittskarten verkaufen.

Das ist viel zu wenig, um die Kosten zu decken. Der Friedrichstadtpalast hat trotz jährlicher Subventionen von rund 6,1 Millionen Euro ein Minus von drei Millionen Euro eingespielt – allein in diesem Jahr. Vor diesem Hintergrund riss dem Senat die Geduld. Kultursenator Klaus Wowereit (SPD) und Staatssekretär André Schmitz machten sich auf die Suche nach einem Krisenmanager, weil sie nicht darauf vertrauten, dass Münstermanns neues Konzept irgendwann schon die Trendwende schaffen würde.

Münstermann, der vom Stadttheater Osnabrück nach Berlin kam und dort unter anderem eine unkonventionelle Perry-Rhodan-Oper inszenierte, setzte auf Pop statt Plüsch und Texte, in denen auch englisch und französisch gesungen werden konnte. Das fanden Kritiker zwar interessant, aber fiel beim Stammpublikum durch. Sein Nachfolger hat nun einen Zwei-Jahres-Vertrag und will Künstler einsetzen, die nicht im Haus beschäftigt sind: „Wir müssen die Kostüme nicht selber entwerfen, die Regie selber machen“, sagt Schmidt. „Es ist gut, frischen Wind von außen hereinzulassen. Wer sich abschließt, verliert den Anschluss an die Entwicklung.“ Er sieht Shows in Paris oder Las Vegas als Maßstab.

Sätze, die bei den Kreativen nicht gut ankommen und darauf hindeuten, wer um seinen Job fürchten muss. Nicht betroffen ist die Kinderrevue („zu 100 Prozent ausgelastet“) und das Ballett – über alle anderen Bereiche müsse man nachdenken, sagt Schmidt: „Wir brauchen eine zeitgemäße Struktur.“ Dazu gehöre auch, Kooperationen mit anderen Theatern einzugehen, um etwa ein gemeinsames Call- Center für den Kartenvorverkauf einzurichten. So könnten Kosten reduziert werden. Welche Theater das sein könnten, sagt Schmidt nicht. Die seines ehemaligen Arbeitgebers Stage- Entertainment sollen es nicht sein.

Der Kultur-Staatssekretär erklärt, was nicht infrage kommt: „Wir wollen keine weitere Abspielstätte, wie das Theater des Westens“, erklärt André Schmitz, „es muss bei Uraufführungen mit Berlin-Bezug bleiben.“ Also wird Schmidt alles unterlassen, was auf zu viel Nähe zu den drei Häusern der Stage in Berlin hindeuten könnte. Darauf will auch die Opposition im Kulturausschuss achten.

Stattdessen ist Schmitz stolz auf seinen personellen Coup: „Wir sind sehr froh, einen Fachmann vom besten Konkurrenten abgeworben zu haben.“ Ganz so spektakulär ist der Wurf dann aber auch nicht, wenn man weiß, dass die Stage und Schmidt sich zuvor einvernehmlich getrennt haben, weil der Unterhaltungskonzern sich intern neu strukturiert hat.

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