Kultur : Ballett im Berghain

Der geheimnisumwitterte Technoclub am Ostbahnhof gehört für sechs Nächte den Tänzern von Malakhovs Ballett-Spitzenensemble.

Nana Heymann
Berghain
Einst ein Heizwerk, heute Technoclub: Das Berghain. -Foto: promo

Die Lichteffekte stimmen nicht richtig, und auch die Kostüme der Tänzer, die im Schwarzlicht leuchten sollen, sind noch nicht alle da. Martin Buczkó ist trotzdem zufrieden. Der 29-jährige Choreograf sitzt im Berghain am Rand der Tanzfläche, blickt hinüber zu seinen Tänzern und applaudiert. In der kargen Industriehalle mit den hohen Wänden sind soeben die letzten Musikklänge verhallt, Buczkó steht auf und folgt seinen Tänzern zum Ausgang. Lagebesprechung nach dem großen Probelauf vor der Premiere. Ein paar aufmunternde Worte für die bevorstehende Aufführung.

Sowohl für Martin Buczkó als auch für seine Tänzer ist der heutige Mittwoch ein besonderer Tag: Im Berghain, dem über die Grenzen Berlins hinaus bekannten Technoclub am Wriezener Bahnhof in Friedrichshain, findet unter dem Titel „Shut up and dance! Updated“ eine Tanzaufführung des Berliner Staatsballetts statt. Die Musik für die Performance stammt von DJs wie Tobias Freund und Max Loderbauer. Sie haben schon häufig im Berghain aufgelegt und die Clubbesucher zum Tanzen gebracht. Nun sollen sich Balletttänzer nach ihren Elektronik-Kompositionen bewegen. Um die Teilnahme an diesem Projekt konnten sich Nachwuchs-Choreografen bewerben. Eine Jury um Staatsballett-Intendant Vladimir Malakhov wählte dann die fünf Besten aus.

„Ich war schon ein paar Mal privat im Berghain, aber von meinen Tänzern kannte niemand vorher den Club“, sagt Buczkó, als er nach dem Probedurchlauf im Biergarten auf dem Hof sitzt. Von ihm stammt die Idee zur Zusammenarbeit zwischen Hochkultur und Subkultur. Vor zwei Jahren fand „Shut up and dance!“ zum ersten Mal statt, im Magazin der Staatsoper, und Buczkó war schon damals dabei. Der Vorschlag, die Aufführung nun im Berghain stattfinden zu lassen, kam von der Marketing-Abteilung des Staatsballetts. Und wurde von Buczkó gleich unterstützt. „Ich finde es sehr spannend, mit diesem besonderen Raum zu spielen.“

Es ist nicht das erste Mal, dass die Klassik den Flirt mit der Subkultur sucht. So läuft seit mehreren Jahren die „Yellow Lounge“ sehr erfolgreich. Bei dieser monatlichen Veranstaltungsreihe, die bislang in Clubs wie dem Cookies oder dem Week-End stattfand, sollen junge Partygänger an Bach und Mozart herangeführt werden. Und auch der zwischenzeitlich in Berlin lebende Elektro-Künstler Gonzales hat mit „Solo Piano“ ein klassisches Album veröffentlicht.

Der besondere Reiz von „Shut up and dance!“ liegt im Zusammenspiel der vielen Gegensätze: die klassischen Tänzer, die ihre durchtrainierten Körper zu den treibenden Elektrobeats mit den eklektischen Synthie-Einsprengseln bewegen; die Eleganz ihrer Bewegungen vor der rauen Kulisse aus Beton und Stahl; das farbige Lichtspiel, das dem harten Kontrast des Ganzen etwas Warmes, Weiches verleiht. Der Bruch wird hier zum Prinzip erklärt.

Eben diese Herausforderung mag Martin Buczkó, der selbst ausgebildeter Balletttänzer ist. „Wenn man für eine klassische Inszenierung choreografiert, muss man meistens eine Handlung erzählen. Hier aber haben wir die Freiheit zur Abstraktion.“ Welche Zuschauer zur Aufführung kommen werden, darüber kann auch er nur spekulieren. „Vielleicht sind es Besucher der Staatsoper, die mal ein bisschen Berghain schnuppern wollen.“

Premiere (ausverkauft!) heute um 22 Uhr im Berghain, Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain. Restkarten für die Aufführungen am 28. und 29. Juni sowie am 3., 4. und 5. Juli kosten 15 Euro und sind an der Kasse der Staatsoper erhältlich.

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