Kulturprojekt in Mitte : Der Glanz der wilden Jahre

Anders als viele alternative Kulturprojekte der frühen Nachwendezeit überlebte der "Schokoladen". Jetzt scheinen in der Ackerstraße die Tage des kunterbunten Lebens aber gezählt.

Eva Kalwa
Schokoladen
Matt (l.) und Raoul Welsch lassen sich die gute Laune nicht verderben. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

BerlinUnter den Häusern der Ackerstraße ist es einer der letzten Dinosaurier. Alle anderen Fassaden leuchten in warmen Erd- oder Pastelltönen. Nur die Steinhaut des alternativen Wohn- und Kulturprojekts „Schokoladen“ mit der Nummer 169 ist grau und rissig. Konnte man sie bisher mit der eines Dickhäuters vergleichen, wirkt sie nun zunehmend dünner. Seit 18 Jahren wollen hier Menschen zwischen Anfang 20 und Mitte 40 der Kommerzialisierung von Kultur und Alltag ihr Konzept einer Einheit von Leben und Kunst entgegensetzen.

Doch jetzt droht das Aus für das Alternativprojekt: Eigentümer Markus Friedrich, Geschäftsführer eines Fliesen-Großhandels, hat dem Trägerverein bereits mehrfach wegen der geplanten Sanierung die Gewerbeflächen gekündigt, eine Räumungsklage ist anhängig. „Wir warten auf ein verbindliches Angebot, um zu erfahren, wie viel der Verein bereit ist, nach der Sanierung an Miete zu zahlen“, sagt Friedrich. Die Fronten sind verhärtet. „Wir sind bereit, viel Eigenleistung in die Sanierung zu investieren und haben ein Konzept vorgelegt. Erst nach diesen Verhandlungen kann man über die Miethöhe oder auch einen eventuellen Kaufpreis sprechen“, so Matthias Legde vom „Schokoladen“.

Falls es zu keiner Einigung kommt, wäre Ende Juni an diesem Standort endgültig Schluss für das Kulturcafé, die Künstlerateliers und Proberäume, das Tonstudio, den „Club der polnischen Versager“ sowie das Orphtheater, wo bereits Thomas Ostermeier von der Schaubühne in seiner Studentenzeit inszenierte.

Begonnen hatte es im Oktober 1990, damals besetzten etwa 20 Studenten aus Ost- und West-Berlin den zu großen Teilen leer stehenden, 1650 Quadratmeter großen Komplex der ehemaligen Schokoladenfabrik. Sie bauten in das 1881 errichtete Haus Heizungen, Bäder und Toiletten ein, reparierten und sanierten viel. Vor allem Künstler hatten sich hier zusammengefunden, die gemeinsam leben, arbeiten und einen Ort des kulturellen Austauschs etablieren wollten, der nicht kapitalistisch orientiert und vor allem selbstbestimmt organisiert sein sollte.

Bald nach dem Einzug wurde ein Verein gegründet und 1991 die Wohnsituation legalisiert. Es war die wilde Zeit kurz nach der Wende, als in Mitte Projekte und Clubs der Off-Kultur wie bunte Pilze, unbekümmert um die meisten Amtsvorschriften, aus dem Boden schossen: Das CC, die Buchhandlung, die Assel und der Eimer – fast alle sind sie mittlerweile geräumt und aufgegeben, nur das 1992 gegründete „Zosch“ in der Tucholskystraße konnte sich als eine von wenigen Nachwende-Kneipen im ehemaligen Sanierungsgebiet Spandauer Vorstadt halten.

Unter den geschwungenen hohen Decken des „Schokoladen“ fanden zahlreiche Partys und Konzerte, unter anderem von Bobo In White Wooden Houses und Pothead, statt. Viele Sonntage tagte hier die „Reformbühne Heim & Welt“. Die teils politisch orientierte Lesebühne, die seit 1999 im Kaffee Burger veranstaltet wird, wurde vor allem durch prominente Mitglieder wie Wladimir Kaminer und Manfred Maurenbrecher bekannt. Bis zu ihrer Einstellung 2007 war auch die alternative Stadtzeitung „Scheinschlag“ im Hinterhof zu Hause, 17 Jahre lang beobachtete sie mit wachem Blick die kleinen und großen Veränderungen im Kiez.

Bis heute arbeiten alle Helfer im Café und bei Konzerten und Lesungen ehrenamtlich, Getränke- und Ticketpreise sind noch immer mehr als moderat, alle Entscheidungen werden gemeinschaftlich getroffen. „Es ist toll, einen Ort zu haben, der dem Kommerz etwas entgegenzusetzen versucht“, sagt Melissa Perales. Die 38-jährige Amerikanerin lebt seit neun Jahren hier, die Kulturarbeiterin organisiert internationale Konzertabende im Café, hat einen siebenjährigen Sohn. Wie die meisten Mitglieder des Kollektivs, darunter Künstler, Studenten, Arbeitslose und ein Frührentner, könnte sie sich eine wesentlich höhere Miete nicht leisten.

Der „Club der polnischen Versager“ ist erst seit gut einem Jahr dabei. 2007 hatte das polnisch-deutsche Kulturprojekt aus der Torstraße 66 ausziehen müssen, nun geht es neben dem „Schokoladen“ weiter mit Konzerten und Lesungen – gegen eine „Kultur des Erfolgs“ und für das Recht auf Scheitern. Was nach scherzhaft-ironischer Systemkritik klingt, könnte vielleicht bald bittere Wirklichkeit werden. Und ein neuer bezahlbarer Zufluchtsort für den Traum vom anderen Leben dürfte für den „Schokoladen“ und seine Freunde in Mitte schwer zu finden sein.

Weitere Infos im Internet unter www.schokoladen-mitte.de

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