Kunst zum Ausleihen : Artothek: Die Schatzinsel

Die Kunst in diesem Raum darf jeder in Ruhe ansehen, anfassen und dann auch mitnehmen – leihweise. Die Artothek des Neuen Berliner Kunstvereins gibt Bilder und Skulpturen aus. Bärbel Kirchhoff leitet sie.

Susanne Leimstoll
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Besser als im Museum. In der Artothek des Neuen Berliner Kunstvereins in Mitte darf man Bilder und Skulpturen nicht nur in Ruhe...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Mein Arbeitsplatz liegt in einem Kunstwerk. Ich sitze sozusagen mitten in „Roland“ – so heißt das Stecksystem aus MDF-Platten, in dem Bilder und Skulpturen zum Ausleihen aufgebaut sind. Die Frankfurter Künstlerin Silke Wagner hat es gestaltet – sieht ein bisschen aus wie ein Labyrinth, und man muss immer drum rumlaufen. Aber es gestaltet die Artothek, seit die letztes Jahr ihre neue Konzeption bekam. Jetzt hängt nicht mehr so viel Kunst an den Wänden, nur noch wenn hier Sonderausstellungen sind. Und der Flur steht nicht mehr voller Bilder. Das finde ich gut so. Dafür gibt es jetzt nebenan noch ein Magazin, wo alles in Regalen zu finden ist, was gerade nicht ausgestellt werden kann. Sogar die weiße Sitzgruppe da drüben ist eigentlich ein Kunstwerk: „Nele“ von Barbara Steppe. Die darf man natürlich benutzen, wie „Roland“ und den ganzen Rest auch.

Eine schöne Atmosphäre, oder? Der große Raum ist licht und hoch und luftig. Wir liegen zwar direkt an der Chausseestraße, aber vom Verkehr da draußen merkt man nichts, als sei dies eine Insel. Im WM-Sommer 2006 fiel mir das besonders auf. Da dachte ich manchmal, nur ein paar Meter von hier, auf der Festmeile, ist das große Gedränge und Gejohle, da trifft sich die Welt, und dies ist eben der Pol, an dem man Ruhe findet.

Die Artothek gehört zum Neuen Berliner Kunstverein, sie ist ein Zweig des Vereins. Jeder ab 16 Jahren kann kommen, um sich Originale auszuleihen: Bilder und Plastiken von zeitgenössischen Künstlern. Das kostet nur die Versicherungsgebühr, pro Werk drei Euro im halben Jahr. In Berlin kann sich also jeder echte Kunst für zu Hause leisten. Das ist ja unser Ziel, Kunst für jeden zugänglich zu machen. Wir sind kein Museum, hier darf man die Werke anfassen und hochheben und rumtragen und hinstellen, wo man möchte. Ich lade auch Lehrer und Schüler ein. Es kommen sogar Kitas.

Die Leute können bis zu sechs Kunstwerke auswählen. Meine Kolleginnen, Kollegen und ich verpacken hier in der Ecke auf dem großen Tisch alles bruchsicher: in Luftfolie und einem Kartonage-Stecksystem, und wir schlingen Gurte um jedes Paket. Immer wenn die Ausleihzeiten zu Ende sind, ist mehr los, dann ist das kein Raum der Stille. Da stehen die Leute an wie in einem Ladengeschäft. An anderen Tagen, mittwochabends meist oder wenn die Kollegen Feierabend machen oder an vielen Mittagen, ist es so ruhig, dass man beim Klappen einer Tür erschrickt. Ich muss mit beidem umgehen können, mein Arbeitsplatz hat ja keine Tür, die ich zumachen könnte.

Ich leite die Artothek seit 2007, kannte sie aber schon seit den Neunzigern. Ich kam nicht zum Ausleihen, ich ging zu den Vorträgen, die hier stattfanden. Meine Aufgaben sind vielfältig: Ich bin fürs Ausleihen zuständig, für die Pflege der Sammlung, prüfe also, muss was neu gerahmt werden oder restauriert. Ich kümmere mich darum, wie die Werke präsentiert werden, was darf zu „Roland“, was wandert ins Magazin. Ich kümmere mich um Öffentlichkeitsarbeit und ich halte Kontakt mit den Künstlern. Einmal im Jahr entscheidet ein Gremium, welche Ankäufe gemacht werden – wir haben einen Etat von 40 000 Euro aus Mitteln der Deutschen Klassenlotterie. Für die Kommission bauen wir die von den eingeladenen Künstlern abgegebenen Werke dann auf wie in einer Ausstellung, wir wollen ja jedem gerecht werden. Das ist meist ein spannender Tag voller Nervosität.

Interessant sind die unterschiedlichen Menschen, die zum Ausleihen kommen. Eine sucht die passende Farbe zum Sofa, die andere will sich nur inspirieren lassen. Manche sind in fünf Minuten durch und wissen, was sie wollen, andere verbringen zwei Stunden hier, diskutieren und räumen um. Einige sind vor allem interessiert an bekannten Namen, den Nächsten geht es nur um das Motiv. Es gibt Ausleiher, die bringen ihre Sachen zurück und sagen, tut mir leid, damit kann ich nicht leben. Wir haben Ausleiher der ersten Stunde, die ihre Kinder mitgebracht haben, die bringen jetzt, als Erwachsene, wieder ihre Kinder mit. Pro Monat kommen rund 150 Nutzer, macht mehr als 10 000 Ausleihen pro Jahr. Es gibt Werke, die sind alte Bekannte für mich. Manchmal freu’ ich mich, wenn sie wieder da sind. Bei vielen weiß ich, wo sie sich gerade befinden.

Ob ich selbst ausleihe? Kaum, ich bin ja den ganzen Tag von den Sachen umgeben. Zweimal habe ich doch zugegriffen: bei einer weißen Kunststoffskulptur, die „Nietzsche“ heißt, und bei einer kleinen, hellblauen Holzskulptur: „die Welle“, 13,5 mal 4 mal 21 Zentimeter. Die kann man ansehen und sich in ihr verlieren oder mit der Hand über die weichen Wogen streichen. Wo die bei mir zu Hause hing? Im Schlafzimmer.

Artothek, Chausseestr. 128/129, Mitte. Di, Do 14 bis 20 Uhr, Mi, Fr 14 bis 18 Uhr. Tel. 280 70 22 (www.nbk.org).

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