Kunstaktion : Schafsherde aus Pelz grast am Dom

Die Herde erreichte Berlins Innenstadt mitten in der Nacht. 70 Schafe und Lämmer weiden seit gestern auf dem Rollrasen zwischen Dom und Temporärer Kunsthalle. Ihre Herkunft: Second Hand, ausgesetzt durch Menschenhand.

Patricia Hecht
schafe_wolff Foto: Mike Wolff
An die Wand gedrückt: Was man aus alten Pelzmänteln alles machen kann, stellen Künstler derzeit zwischen Dom und Temporärer...Foto: Mike Wolff

BerlinAlle Tiere sind lebensgroß aus alten Pelzmänteln ausgeschnitten, die Silhouetten kleben an einer der Mauern am Rasen. Das ganze ist eine Aktion der Künstlergruppe „Neozoon“, die Pelze gewissermaßen in Tiere zurück verwandelt. Vier Frauen in Berlin, Basel und Paris siedeln seit Sommer 2008 Bären, Rehe oder Füchse in der Stadt an. „Es sind Tiere, die aus ihrem ursprünglichen Lebensraum verdrängt wurden“, sagt eine der Macherinnen, die anonym bleiben will.

Die Tiere kommen in der Dunkelheit, es sind sogenannte Cut-Outs, mit Schablonen ausgeschnittene Pelzstücke. Alle sind mit Schaffarbe nummeriert, an einigen hängt noch ein Mantelärmel oder Knopf. Mit Hilfe von Fliesenkleber hüpfen bald Lämmer auf dünnen Beinen über die Mauer, graubraune Mutterschafe senken den Kopf auf die Wiese. Auf rund 70 Metern Länge erstreckt sich die Herde aus Leder und Pelz, sie ist aber leiser und reinlicher als eine echte. In Paris begab sich eine ähnliche Herde bereits auf den Weg ins ehemalige Schlachthof-Viertel La Villette, auch im Berlin ist es nicht die erste „Neozoon“-Aktion: Füchse streunten durch die Auguststraße, Bären bezogen unter der Jannowitzbrücke Quartier.

Die Macherinnen von „Neozoon“ sind zwischen 30 und 40 Jahren, einige haben Kunst studiert, alle arbeiten im Kultur- und Medienbereich. Tierschutzaktivisten seien sie nicht, sagen sie, „aber Fragen zum Konsum von Tieren und des Materials wollen wir schon aufwerfen“. Im Netz haben die Aktionen längst ein Zweitleben entwickelt. Bilder der Pelztiere tauchten bei Wooster Collective auf, einer der wichtigsten Street-Art-Seiten im Netz, schnell wurden die „Neozooner“ auf Blogs verlinkt. Im September sind sie bei einem spanischen Street Art Festival eingeladen, im Oktober stellen sie in der Londoner Brick Lane Gallery aus.

Die Schafherde am Alex wird bis dahin wohl dezimiert sein. Die ersten Besucher hatten die Tiere schon am gestrigen Morgen an ihrer Seite: Passanten fotografieren und streicheln die Lämmer, während Hunde interessiert an den neuen Stadtbewohnern schnuppern. www.neozoon.org

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