Kunstprojekt : Hausbesuch im Wunderland

Zwölf Künstler haben zwölf Wohnungen in der Torstraße in Mitte zu einer Ausstellungsstrecke verwandelt. Ein Rundgang wird zum Erlebnis für die Sinne.

Eva Kalwa
WIRECENTER Foto: Spiekermann-Klaas
Künstlerischer Ideenmix in der Torstraße 166 - ein ganzes Haus voll Kunst. -Foto: Spiekermann-Klaas

Manche Träume sind so, manche Bücher auch: Skurril, bunt und überaus verwirrend. Und doch taucht man beglückt und erfrischt daraus empor. Es ist kein Kaninchenloch, in das der Besucher in der Torstraße 166 wie Alice im Wunderland kriechen muss. Aber eine nur brusthohe Wohnungstür, die vom Erwachsenen den Eintritt in gebückter Haltung verlangt. Dies ist nur die erste von vielen Merkwürdigkeiten, die „das Haus der Vorstellungen“ in Mitte bereithält.

Zwölf Künstler haben hier in ebenso vielen Wohnungen ihre Vorstellungen von fast allem umgesetzt und das auf ganz unterschiedliche Weise. „Es war uns wichtig, dass die Künstler ihren Assoziationen und Interpretationen dessen, was sie vorfinden, absolut freien Raum lassen konnten", sagt Jaana Prüss, eine der drei Kuratorinnen des Projekts.

Wenn man die niedrige Tür, die auf die „Kinderinsel“ führt, passiert hat, steht man im „Eskalationsraum“ der Berliner Künstlerin Souziehaas: Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren können hier malen, basteln und toben. Ein deckenhohes aber friedliches Ungetüm aus Baumstämmen, Pappe und Folie, an dessen Astarmen bunte Lampions hängen, will täglich mit neuen Schöpfungen „gefüttert“ werden: An der Küchendecke hängen bereits unzählige rosafarbene Papiergeister.

In der Nachbarwohnung hat das Künstlerduo Franz Höfner und Harry Sachs den „Neubau“ schon realisiert, indem es herkömmliche Baumaterialien zweckentfremdet verwendet hat. Erstaunt steht der Besucher vor einem großen Zimmerspringbrunnen aus vier Sitzbadewannen. Aus den darüber angebrachten Waschbecken und umgedrehten Armaturen plätschert Wasser: Der wunderliche Traum eines Heimwerkers, der gern ein Künstler wäre – oder andersherum.

Mit Wohnkultur im engeren Sinne haben sich auch die Architekten und Künstler von „raumlaborberlin“ befasst und haben in der Gründerzeitwohnung im zweiten Stock eine Plattenbauwohnung vom Typ P2 errichtet. Die wenigen Fenster der Modellwohnung mit den niedrigen Decken und engen Durchgängen geben den Blick auf die Erkerfenster der Altbauwohnung und die dahinterliegende Bergstraße frei. Zwei Wohn- und Lebenskonzepte, wie sie konträrer kaum sein können, kommunizieren miteinander, und man wüsste wirklich gern, worüber sie sich austauschen, wenn nach 22 Uhr die letzten Besucher gegangen sind.

Noch mehr seltsame Dinge könnten dann passieren – zumindest in der durch den Hausbesuch stark angeregten Phantasie: Würden sich die Menschen, die Harald Smykla mittels Diaprojektor an die stuckverzierten Wände gezeichnet hat, plötzlich bewegen? „Seltsame Familientreffen“ nennt der in London lebende Künstler die Gruppenskizzen seines Projekts „Reprojection“. Oder sind die Netze aus schwarzem Wollgarn, mit denen Chiharu Shiota albtraumhaft mehrere Räume eingesponnen hat, in dunklen Nächten doch von Spinnen bevölkert? In ihrer anderen Installation hat Shiota mit Hilfe roter Fäden in einer Gesamtlänge von 13 Kilometern ein Meer bunt zusammengewürfelter Schuhe auf die Hausfront gebracht: „Lebensspuren“ heißen die Fährten, die nach Eintritt der Dunkelheit angestrahlt werden.

Dies sieht der Besucher aber erst, wenn er erneut auf der Straße steht, wieder aufrecht und von vielen großartigen Bildern inspiriert. Vielleicht hat er noch der Klanginstallation in der dreistöckigen Kunststoffblase im Hof gelauscht oder ist in die Leuchthöhlen von „Plastique Fantastique“ gekrochen. Vielleicht hat er auch die olfaktorischen Wohnwelten der norwegischen Duftforscherin Sissel Tolaas erkundet oder sich trotz „Ruhestörung“ im stockdunklen Raum des Künstlerduos „mosermeyer“ entspannt. Vielleicht hat er ja tatsächlich alle zwölf Wohnungen genau erkundet – und doch bleibt das Gefühl, als gäbe es beim nächsten Besuch noch jede Menge zu entdecken.

Das Haus der Vorstellungen ist in der Torstraße 166, Mitte. Bis 12. Oktober, täglich von 12 bis 22 Uhr. Informationen unter www.torstrasse166.de

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