Kurzfilmfestival : Kopfkino im Minutentakt

Heute startet das Kurzfilmfestival „Interfilm“. Noch nie wurden so viele Beiträge gezeigt. Kontrovers wie immer werden auch Themen wie ein Schamhaarlagerfeuer künstlerisch umgesetzt.

Sebastian Leber

Achteinhalb Minuten sind nicht viel Zeit, um nachhaltige Lösungen für komplexe Probleme zu finden. Deshalb wird dem Liebeskranken in der deutsch-slowenischen Produktion „Lovesick“ sein gebrochenes Herz kurzerhand heil getackert. Das tut nicht weh, und Hauptsache, das Leben kann weitergehen.

Am heutigen Dienstag startet das 23. Berliner Kurzfilmfest „Interfilm“. An sechs Abenden werden im Kino Babylon Mitte, im Filmtheater der Hackeschen Höfe und im Roten Salon der Volksbühne neue Kurz- und Animationsfilme gezeigt. So umfangreich wie diesmal war das Programm noch nie: Aus 3800 eingereichten Beiträgen haben die Veranstalter 550 ausgewählt, 67 davon laufen im Wettbewerb. Zu den bekannteren gehört die deutsche Produktion „15 Minuten Wahrheit“ mit Herbert Knaup in der Hauptrolle, der Kurzfilm war unter anderem für die diesjährigen First-Steps- Awards nominiert. Daneben sind auch Streifen dabei, denen man anmerkt, dass die Budgets minimal waren, aber dass die Macher eine wirklich gute Geschichte zu erzählen hatten. Zum Beispiel die über den Nachbarsjungen, der ständig mit dem Kopf gegen die Wand schlägt, natürlich nicht ohne triftigen Grund. Oder die über den alternden Hofnarren, der in den Spiegel blickt und erkennt, dass er eigentlich König ist. Oder die über das zerstrittene Paar, das sich vor lauter Gefühlskälte neu ineinander verliebt.

16 000 Besucher werden erwartet, die Filme werden immer gruppenweise gezeigt, geordnet nach Themenblöcken, deren Titel viel Platz für Überraschungen lassen: „Die Regeln des Spiels“ zum Beispiel oder „Familienangelegenheiten“. Der Herztacker-Film „Lovesick“ läuft in der Kategorie „Love and Insanities“. Liebe und Geisteskrankheiten.

Wie in den Vorjahren gibt es einen Länderschwerpunkt. Diesmal werden Rumänien und Südkorea Themenabende gewidmet. Das erklären die Veranstalter so: In Rumänien herrsche Aufbruchsstimmung, die neue Filmszene zeichne sich durch enorme Vielseitigkeit aus. Von einer „New Rumanian Wave“ ist sogar die Rede. Und in Südkorea zeigten junge Filmemacher zwar die „hypermoderne Welt der Halbinsel“, sagt Kuratorin Christiane Grün, doch hinter blinkenden Reklametafeln und Hochhausfassaden „offenbaren sich auch traditionelle Denkweisen und Gebräuche sowie eine patriarchalische Familienwelt“. Diese Spannungen sollen gezeigt werden – oft mit bizarrem Humor.

Dem Experimentalfilmer Simon Ellis ist eine Retrospektive gewidmet, am Donnerstag um 22 Uhr wird der Brite im Filmtheater der Hackeschen Höfe anwesend sein. Und wie in den Vorjahren haben die Interfilm-Macher Plattformen für spleenige Ideen und außergewöhnliche Formate geschaffen. Der Berliner Volker Gerling etwa, laut Eigenbezeichnung „Deutschlands einziger Daumenkinograf“, wird am Donnerstag im Roten Salon seine Schwarz-Weiß-Arbeiten vorführen. Dabei hält er die Bildergeschichten selbst in der Hand und filmt sie mit einer Videokamera, so dass alle im Raum seine Minifilme bewundern können.

Am Freitag ab 19.30 Uhr werden an selber Stelle deutsche Musikvideos wie „Soundso“ von Wir sind Helden gezeigt. Denn die können nach Überzeugung der Organisatoren inzwischen mit der internationalen Konkurrenz mithalten. Richtig voll wird es im Roten Salon ab 23 Uhr: Dann beginnt „Eject X – die lange Nacht des abwegigen Films“. Im vergangenen Jahr erregte hier ein Streifen Aufsehen, bei dem sämtliche Hauptdarsteller aus Fleischwurst modelliert waren. Diesmal soll es um zwei Themenbereiche gehen, die in der Filmkunst bisher sträflich vernachlässigt bis ignoriert wurden: das Phänomen des Extremniesens und Schamhaarlagerfeuer.

Das ganze Programm im Internet: www.interfilm.de

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