Stadtleben : Läufer und Bauern

Sandra Stalinski

Mit hochgezogenen Augenbrauen blickt Otto Schily über den Brillenrand auf seinen Gegner und lächelt süffisant. Er hat dessen Dame gefangen. Da kann Günter Nooke, Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung, gar nichts mehr machen: Schachmatt. Nooke gratuliert dem ehemaligen Bundesinnenminister zum Sieg.

Zum 18. Mal fand gestern im Maritim-Hotel in der Stauffenbergstraße das Politiker-Schachturnier des Berliner Schachverbandes statt, an dem Schily schon seit Jahren teilnimmt – mit Erfolg: Einmal wurde er sogar bester Amateur. „Schach und Politik, das ergänzt sich hervorragend“, findet Schily. „Man lernt dabei Konzentration, Strategie, Disziplin und Psychologie.“ Tugenden, die man im Politikeralltag gut gebrauchen könne.

Bei dem Turnier treten zahlreiche Minister, Abgeordnete, Senatoren und Botschafter verschiedener Länder gegeneinander an. Die ausländischen Diplomaten dürfen seit den Anschlägen vom 11. September an dem Wettbewerb teilnehmen. „Wir wollten damit ein Zeichen setzen für ein friedliches Miteinander“, sagt Organisator Alfred Seppelt.

Schirmherr war in diesem Jahr Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, auch er war gestern unter den Teilnehmern. Als Schachspieler ist er allerdings nicht so versiert wie sein Vorgänger im Ministeramt. Nur eine Partie konnte er für sich entscheiden. Doch darauf kommt es dem Politiker gar nicht an. Ihm geht es um den fairen Wettbewerb: „Beim Spiel kann man mit voller Leidenschaft um den Sieg kämpfen und sich trotzdem hinterher die Hand reichen.“

An einem mangelte es im Turniersaal des Hotels aber noch immer: Auf dem Schachbrett ist die Dame die stärkste Figur. Bei den schachspielenden Politikern gilt diese Regel nicht: Unter den 56 Teilnehmern war nur eine einzige Frau. Sandra Stalinski

0 Kommentare

Neuester Kommentar