Landwehrkanal : "Kein Baum darf fallen"

Seit Ende Mai gibt es Ärger in Kreuzberg: Am Landwehrkanal sollten hunderte alter Bäume fallen. Innerhalb kürzester Zeit gründeten Anwohner eine Initiative. Tagesspiegel.de sprach mit Arno Paulus, einem Mitgründer der Initiative.

Interview: Michael Hörz
Landwehrkanal Guttzeit Paulus
Baum-Verteidiger: Anuschka Guttzeit und Arno Paulus am Landwehrkanal. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

BerlinSeit Ende Mai gibt es Ärger in Kreuzberg. Am Landwehrkanal sollten hunderte alter Bäume fallen, weil sie angeblich die Sicherheit bedrohten. Das Problem: Die Uferbefestigung aus dem 19. Jahrhundert ist marode und unterspült - auch weil über Jahre hinweg wenig für ihren Erhalt getan wurde. Die zuständige Bundesbehörde Wasser- und Schifffahrtsamt beschloss sehr kurzfristig und ohne weitere Information, bis zu 200 Bäume zu fällen. Innerhalb kürzester Zeit gründeten Anwohner eine Initiative, die seitdem erfolgreich Druck macht. Tagesspiegel Online sprach mit Arno Paulus, einem der Gründer vom "Aktionsbündnis Bäume am Landwehrkanal".

Wie ist der aktuelle Stand am Landwehrkanal?

Es gibt jetzt erst einmal einen Fällstopp bis zum 10. Juli. Man hat jetzt festgestellt, dass nur 34 Bäume akut gefährdet sind und 39 eventuell. Es soll demnächst eine öffentliche Veranstaltung vom Wasser- und Schifffahrtsamt stattfinden, und eine nicht-öffentliche Befahrung des Landwehrkanals. Das zeigt wieder, dass die Behörden ihren Bürgern nicht trauen.

Wir sammeln weiter Unterschriften, und wir werden auch weiter Protestveranstaltungen machen - täglich um 18 Uhr auf der Admiralbrücke. Wir sind nicht damit einverstanden, dass auch nur ein Baum gefällt wird! Es gibt Methoden, das Baumfällen zu verhindern. Das geht auch aus einem Gutachten der Bundesanstalt für Wasserbau in Hamburg hervor, und wenn diese Methoden den Kanal verengen, dann wäre das ein gutes Zeichen, dass die Schiffe endlich einmal langsamer fahren und nicht mehr so große Schiffe unterwegs sind. Das liegt alles im Ermessen des Wasser- und Schifffahrtsamtes. Die Bauarbeiten könnten ja auch im September oder Oktober anfangen, wenn der Schiffsverkehr sowieso still liegt.

Es ginge also einvernehmlicher?

Die reden ja immer nur von der "Leichtigkeit des Schiffsverkehrs", dass das aber unser Naherholungsgebiet ist, darüber spricht keiner. Und über Klimaschutz und Schadstoffemissionen redet auch niemand. Die Kontrolle der Schiffe wäre Bezirkssache, aber die haben dafür kein Geld. Es ja einige Schiffe da, die vermutlich deutlich mehr Dreck, Ruß und Feinstaub rauspusten als 100 Autos. Durch die größeren Schiffe ist der Verfall des Landwehrkanals eindeutig beschleunigt worden, das geht auch aus dem Hamburger Gutachten hervor. Hinzu kommt noch, dass das WSA praktisch nichts an Pflege gemacht hat, die haben nur zugeguckt.

Wie legt das Wasser- und Schifffahrtsamt fest, ob ein Baum fallen muss?

Die sagen, der Baum drückt auf die Uferwand, da ist Gefahr im Verzug: das Ding kann umkippen. Als Bundesbehörde nehmen sie sich dann das Recht, ohne irgend einen weiteren Vorgang der Bürgerbeteiligung diesen Baum aus Sicherheitsgründen zu fällen. Es gibt da Alternativen: Man kann solche Bäume auch sichern, zum Beispiel mit Seilankern, die da rangemacht werden. Das wird aber alles nicht erwogen. Anfangs ja über 200 gefällt werden, jetzt sind es plötzlich 34. Ich weiß nicht, wie die ihre Zahlen zusammenkriegen.

Wie viele aktive Mitglieder hat ihre Initiative derzeit?

Aktiv in der Telefonkette sind so um die 500 Leute: Es sind 500 Leute da, wenn die Kettensägen kommen, egal ob Ferien sind oder nicht. Und 1500 sind in der Internetkette, die werden also eine oder zwei Stunden später aufkreuzen. Wir wollen uns das nicht mehr bieten lassen.

Die Initiative scheint schon recht groß zu sein?

Wir haben etwas über 12.000 Unterschriften, wir werden auch noch größer: Wir werden die Protestveranstaltungen auf andere Brücken ausdehnen, und wir wollen bis September 40. bis 50.000 Unterschriften haben. Dann wollen wir zur Not auch ein Volksbegehren machen. Wir können uns als Berliner nicht weiter gefallen lassen, dass die Bundesregierung schwätzt von Klimaschutz, und dann hier Bäume fällt im großen Stil.

Für jeden Baum, der gefällt wird, müssten 2000 neue gepflanzt werden, um einen Kubikmeter Blattvolumen zu erreichen. Pro Baum würde die Neupflanzung etwa 250.000 Euro kosten. Da können Sie sich vorstellen, dass das jede Wirtschaftlichkeit ad absurdum führt.   

Landwehrkanal Schiffe
Die Passagierschiffe auf dem Landwehrkanal wirbeln einiges auf. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Welche Aktionen haben Sie noch geplant: Würden Sie sich auch an Bäume ketten oder Baumhäuser errichten?



Wenn ich das jetzt öffentlich sage, dann bin ich der Anstifter. (lacht). Ich kann Ihnen nur sagen, dass der Fantasie da keine Grenzen gesetzt sind. Sie kennen ja Kreuzberg, es gibt einige Verrückte hier, die machen so was - und die kann ich nicht davon abhalten. Wir dagegen rufen konkret die Bundesregierung beziehungsweise Herrn Tiefensee dazu auf, die klimaschädlichen Maßnahmen einzustellen, und sich langfristig Alternativen für klimafreundliche Wasserstraßen auszudenken, am besten europaweit. Zum Vergleich: In Holland läuft so etwas schon ganz gut. Aber dieses kleine, Schritt-für-Schritt-Kaputtmachen muss endlich aufhören.

Das Land ist nicht zuständig, der Bezirk kann sich immer nur kopfnickend mit an den Tisch setzen. Wir haben es hier mit ganz komischen Verhältnissen zu tun. Wir sind im Jahr 2007, und da gibt es eine Behörde, die handelt wie im Jahr 1902, wo Kanäle nach Belieben auf- und zugeschüttet worden sind. Das geht nicht, das können wir nicht akzeptieren. Auch nicht mit Blick auf die Agenda 21: Berlin hat sich verpflichtet, Bürger in solchen Fragen zu beteiligen und ein Bewusstsein zu schaffen. Ich muss Ihnen sagen, das Bewusstsein bei den Bürgern ist deutlich höher als das bei den Politikern.

Was verlangen Sie?

Wir wollen eine gesunde Natur. Von der Schönheit her brauchen wir gar nicht darüber reden, wie das dann aussieht, wenn noch 80 Bäume am Landwehrkanal gefällt werden. Am Einsteinufer sind bereits 13 Bäume gefällt worden. Das hat man ganz schnell gemacht. Da sind Zäune aufgestellt worden, ohne ranzuschreiben, wozu, und dann waren die Bäume weg. Aber hier in Kreuzberg lassen wir uns das nicht länger bieten.


Waren Sie überrascht über die große Resonanz auf Ihre Initiative?

Ich freue mich. Zum Beispiel an der Havel, da wohnen auf einen Kilometer zehn Leute. Und am Landwehrkanal, da wohnen auf einen Kilometer 50.000 bis 100.000 Leute, je nachdem, wie weit man rechts und links rangeht. Die lieben diese Gegend alle. Das ist für viele Verkehrsweg, Erholungsweg, für die Leute im Urbankrankenhaus, für die Altersheime. Die älteren Leute sagen: Wir sind froh, dass die Bäume endlich so groß sind - und jetzt wollen die die absägen?

Es geht um eine behutsame Erneuerung des Landwehrkanals, und dann um eine langfristige Lösung für innerstädtische Wasserstraßen, die nicht heißen kann, dass die Schiffe immer schneller fahren. Es gibt ja bis heute keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Bei manchen Schiffen, da kann man richtig hören, wie die Bug- und Schraubenwellen die Ufer leer saugen. Dann bricht natürlich irgendwann die Uferkonstruktion aus dem 19. Jahrhundert zusammen. Die ist ja damals gebaut worden für Schiffe, die gezogen oder gestakt wurden. Nicht für solche Schraubenmonster, die über 40 Meter lang sind.

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