Lange Nacht der Bilder : Lichtenberg wie gemalt

Sonnabend ist Lange Nacht der Bilder. 400 Künstler stellen an 55 Orten Bilder aus.

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Erhaben. Antje Neppach mit ihrer Skulptur „Königin“ im Kesselhaus.
Erhaben. Antje Neppach mit ihrer Skulptur „Königin“ im Kesselhaus.Foto: Thilo Rückeis

Kunst? Nö. Linke, Rechte, Tierpark, Eishockey, Industriebrache, Kraftwerksschlote, Platte und Gründerzeit, grün, familienfreundlich, aber uncool und vor allem ganz schön weit draußen – das fällt einem zum Bezirk Lichtenberg ein, aber doch nicht Kunst. Maler, Grafiker, Bildhauer und ihre Galeristen sitzen lieber in Mitte, Prenzlauer Berg, Kreuzberg oder Charlottenburg. Stimmt. Trotzdem steigt Sonnabend in der vermeintlichen Kulturwüste nun schon zum dritten Mal die Lange Nacht der Bilder. Und sie wächst. Vergangenes Jahr wollten 15 000 Besucher die Arbeiten der 135 ausstellenden Künstlern sehen. Diesmal zeigen 400 Künstler an 55 Orten rund 2500 Bilder. Kunstmarkt, Konzerte, Party, Lesungen, Künstlergespräche und Gottesdienste gibt es obendrauf. Los geht’s ab 15 Uhr, weiter bis nach Mitternacht. Viele Ausstellungen sind länger zu sehen.

Organisiert wird die Bildernacht vom Verein Kulturring in Berlin. Klar sei die Kunstaktion auch eine Imagekampagne für den Bezirk, sagt Veranstaltungsmanager Werner Baumgart. Er möchte mit der Bildernacht nicht in erster Linie international etablierte Künstler wie den Lichtenberger Christian Awe präsentieren, der als Graffiti-Sprayer begann, inzwischen für bis zu 50 000 Euro pro Bild gehandelt wird und sein Atelier in den Siegfriedhöfen hat, sondern auch Arbeiten junger, unbekannter Künstler und kunstbegeisterter Malzirkel zeigen. Kennenlernen der Leute inbegriffen.

Der Maler, Grafiker und Elektriker Andre Kiehtreiber lädt – abgesehen von seiner Ausstellung im Linden-Center am Prerower Platz 1 – auch zum Besuch seiner Atelierwohnung im Weitlingkiez, Emanuelstraße 10. Farbenfroh, märchenhaft und surreal sind seine Ölgemälde. Viel bunter als sein Heimatbezirk, aber der käme ebenfalls langsam in die Gänge, sagt Kiehtreiber. Die Häuser seien saniert und bei vielen Zuzüglern habe sich herumgesprochen, dass Lichtenberg nicht nur Links- oder Rechtshochburg, sondern gut zum Leben sei. Gerade auch für Künstler. „Die Verrückten haben meist kein Geld und suchen sich ihren Platz.“ Allein in den Gründerzeitbauten der nahe gelegenen Victoriastadt am Ostkreuz kennt er um die 25 Kollegen.

„Bipolar – Kunst trifft Wirtschaft“ ist das diesjährige Motto der Bildernacht, die Profis und Laien genauso wie Künstler und Firmen zusammenbringt. Mit Ausstellungsorten wie einer Spedition, einem Hotel, einem Einkaufscenter oder dem Foyer der Lüftungstechnikherstellers Berliner Luft in der Herzbergstraße. Bronzeskulpturen von Sibylle Waldhaus und rostrote Bilder von Sibylle Gröne zeigen, dass Metallverarbeitung nicht nur Profit bringt, sondern auch schmückt. Das Betonbürohaus gehört zur vierten von insgesamt sechs Touren, die die Bildernacht zusätzlich zur Kirchentour, Tramtour, Spaziertour und Rätseltour für Kinder geografisch strukturieren. Letztere führt in den verwunschenen Park des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge, wo auch in Festsaal, Cafeteria, Kapelle und im Kesselhaus-Museum Kunst zu sehen ist.

Die Erdfarben der Ölbilder von Antje Neppach und ihre Ton- und Gipsskulpturen, die verfremdete Köpfe und Extremitäten zeigen, fügen sich großartig zu Backstein und Eisen des über 100 Jahre alten Heizwerks. „Stumme Schreie“ heißt ihre Ausstellung, die sie deswegen unbedingt an diesem Ort zeigen wollte. Kennengelernt hat ihn die in Friedrichshain lebende Künstlerin selber mal als Ausstellungsgast. Was Lichtenberg sonst für sie ist? „Unentdecktes Terrain“, sagt sie. Da ist sie ja schon, die neue Sicht.

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