Lesung : Chauffeur der Geschichten

Seit 2006 fährt Michael Kessler im Auftrag des RBB sein "Berliner Nacht-Taxe" durch die Straßen der Hauptstadt. Als Bezahlung möchte er von seinen Fahrgästen kein Geld, sondern Geschichten. Heute liest er aus seinem daraus entstandenen Buch.

Philipp Hauner
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Michael Kessler fährt für den RBB Taxi und lässt sich Geschichten con seinen Passagieren erzählen. -Foto: dpa

BerlinEs sieht ganz danach aus, als hätte Michael Kessler eine durchzechte Nacht hinter sich. Müde sitzt der Comedy-Star in einem royalblauen Sessel und schlürft Minztee. Seine Augen sind ganz klein. Doch vergangene Nacht hat der 41-Jährige nicht gefeiert, sondern gearbeitet. Und für seine Sendung "Berliner Nacht-Taxe" im RBB bis um fünf Uhr morgens Fahrgäste durch die Straßen der Hauptstadt kutschiert.

20 Stunden Taxifahrt für 30 Minuten Sendezeit

Fast 700 Menschen saßen seit dem Sendestart im Jahr 2006 schon bei ihm auf der Rückbank und haben sich auf einen gewieften Deal eingelassen: Die Fahrt in seiner Taxe kostet nicht Geld, sondern Geschichten. Die besten hat Kessler inzwischen in einem Buch versammelt. Und nur wenige sind so gut, dass sie später auch ausgestrahlt werden können: "Für 30 Minuten Sendung muss man schon 20 Stunden Fahrt einkalkulieren", erzählt Kessler, der bezweifelt, dass sein Taxi-Experiment in anderen deutschen Städten so gut gelingen würde.

Das erklärt sich der Wahl-Kölner durch die ausgesprochene Gelassenheit der Berliner, "die schon fast alles im Leben einmal gesehen haben." Nun hat er, Kessler, in seiner Berliner Taxe aber auch nicht gerade wenig gesehen. Und während er von Lederschwulen aus London, pikierten Möchtegern-Society- Girls und zwei armen Lichtenbergerinnen erzählt, die sich bei ihm darüber ausgelassen haben, dass ihre Cocktails zu wässrig gewesen wären, taut sein Gesicht langsam auf. Uschi und Ute senden ihm seit ihrer Taxifahrt jedes Jahr Geburtstagskärtchen.

Kessler, der 1991 seinen Durchbruch mit dem Spielfilm „Manta, Manta“ hatte und den viele für seine Florian-Silbereisen-Parodie lieben, wird wach. Und ernst. "Wir sind heute so drauf programmiert, Sensationen zu konsumieren", sagt er, "dass wir die Geschichten des Alltags gar nicht mehr wertschätzen." Und dabei wären diejenigen ja oft die aufregendsten.

"Was wir in unserer Nacht-Taxe erleben, ist Wirklichkeit."

"Was wir in unserer Nacht-Taxe erleben, ist Wirklichkeit. Da werden keine Leute gecastet, da wird niemand verarscht, da gibt es keinen Voyeurismus", erzählt er mit bewegten Armen und Händen. Man nimmt ihm die Begeisterung ab. Sie ist ehrlich. Was Kessler sagt, ist ihm nicht vorher von irgendwelchen PR-Leuten in den Mund gelegt worden.

Und dann wirkt er fast ein wenig besorgt, als er erzählt, wie viele Menschen mit einem Nachholbedarf an Kommunikation in sein Taxi einsteigen, wie viele eigentlich sehr unsicher sind, obwohl sie auf den ersten Blick sehr selbstbewusst scheinen. Zum Beispiel ist da Léonie. Sie hat einen Preis als beste Nachwuchsdarstellerin bekommen – für Pornofilme. Die junge Frau erzählt, wie sie Sex zum Beruf gemacht hat. "Dabei war sie eigentlich auf der Suche nach Liebe", sagt Kessler. Aus dieser Episode und anderen hat der Comedian zusammen mit anderen ein Taschenbuch gemacht, das er heute bei der "Zitty"-Lesung vorstellt. "Ich wollte manche Geschichten noch mal aufbereiten und mit eigenen Gedanken anreichern", sagt Kessler. Dazu gab ihm die schriftliche Form Raum. Und sie lässt auch zu, dass Geschichten wie die von Léonie erzählt werden können. Ins Fernsehen schaffte es die Episode nicht.

Auf die Frage, wen er denn noch gerne einmal durch die Hauptstadt chauffieren würde, antwortet Kessler zunächst mit einem Achselzucken. Eigentlich habe er schon alle erdenklichen Personen und Charaktere "durch". Und dann fällt ihm doch noch einer ein: ein echt Berliner Taxifahrer. Der hätte bestimmt auch einiges zu erzählen.

Zitty-Lesung mit Michael Kessler, heute, 20.30 Uhr, Kantine des Berghain-Clubs, Straße Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain. Zitty-Chefredakteur Matthias Kalle moderiert, Motor-FM-Moderatorin Christin Kewitz legt auf, Eintritt 5 Euro.

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