Lesung im Sony Center : Im literarischen Kuschelzelt

Bereits zum zehnten Mal stehen zwei mongolische Jurten im Sony-Center. Darin findet bis Sonntag der „Wintersalon“ statt. 35 Autoren werden in intimer Runde insgesamt über hundert Geschichten lesen.

Beim Anblick der futuristischen Kulisse des Sony Centers denkt man nicht unbedingt an eine Leseveranstaltung in intimer Runde. In diesen Tagen ist das anders.Alle Bilder anzeigen
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14.01.2011 09:46Beim Anblick der futuristischen Kulisse des Sony Centers denkt man nicht unbedingt an eine Leseveranstaltung in intimer Runde. In...

Das küssende Paar im Bilderbuch quittieren die Kinder mit einem lauten „Iiiiih“ im Chor. „Ich hab’ euch gewarnt“, sagt Autor Heinz Janisch und lächelt. Der Österreicher sitzt im Sony-Center in einem der hellen Rundzelte, einer Jurte aus der Mongolei. Um ihn herum lauschen die Kleinen auf Hockern und Sitzkissen seinen Geschichten. Aus dem Zelt nebenan ist leise eine Frauenstimme zu hören. Darin erzählt die Berliner Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange Gymnasiasten aus Schmargendorf, wie das so ist mit dem Erwachsenwerden. Im Gespräch danach wollen sie es noch genauer wissen. Draußen warten schon eine andere Gruppe und der nächste Autor.

Nahezu nonstop wird seit Donnerstag parallel in zwei Jurten gelesen. 35 Autoren, 100 Geschichten, aus Romanen, Sachliteratur, Kinderbüchern und Lyrik, auf Deutsch und auf Englisch, Altbekanntes und bisher Unveröffentlichtes. Sonntagabend ist wieder Schluss.

Die Marathonlesung, die offiziell „Berliner Wintersalon – Geschichten in Jurten“ heißt, feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen. Autor Janisch war schon oft dabei. „Die optimale Form des Geschichtenerzählens“, sagt der Österreicher, „wie am Lagerfeuer, richtig intim.“ Bis zu 45 Menschen passen in ein Zelt rein. Drinnen ist es bunt verziert. Mit dabei sind preisgekrönte Autoren wie Jens Sparschuh, Jan Peter Bremer und Katja Lange-Müller. Die Jurten sind der 59-jährigen Berlinerin Lange-Müller nur allzu vertraut – und das nicht nur, weil sie bereits mehrere Male dabei war. Anfang der 80er Jahre war sie für ein Praktikum in der Mongolei und wohnte mehrere Monate in einem der Rundzelte aus Filz und Holz. „In einer Jurte passiert einfach alles“, sagt sie. Bis zu 60 Menschen lebten darin. Mit einer Feuerstelle in der Mitte, ohne Strom und fließend Wasser. Dafür plagten Zecken die Bewohner. Da ist es hier in der Mitte Berlins schon angenehmer, findet Lange-Müller. „Alle sitzen eng beieinander, es ist mollig warm. Nicht gemütlich, aber kuschelig“, sagt sie. Lange-Müller liest am Sonnabend um 20 Uhr und 22 Uhr und am Sonntag um 13 Uhr aus der Erzählung „Die Enten, die Frauen und die Wahrheit“.

Beim Anblick der futuristischen Kulisse des Sony Centers denkt man nicht unbedingt an eine Leseveranstaltung in intimer Runde. In diesen Tagen ist das anders.

Die Wochenendtipps

Das Konzept der Veranstaltung entwickelt Britta Gansebohm seit zehn Jahren, sie wählt auch die Autoren aus. Erstmals steht die literarische Kuschelrunde unter keinem Motto. Gemeinsam haben die Leser nur, dass sie allesamt jurtenerfahren sind. Nur am Freitagabend dürfen Debütanten ihre Erstlingswerke vorstellen. Beim Blick zurück erinnert sich Gansebohm an zahlreiche Momente. Als Bestseller-Autor Richard David Precht („Die Kunst, kein Egoist zu sein.“) dabei war, oder als Claudius Hagemeister um Mitternacht Geburtstag feierte, mit Kuchen und Kerzen, umringt von Besuchern. Oder als Jonathan Coe einen Flötenspieler zur Untermalung der Texte mitbrachte.

„In den zehn Jahren hatten wir die Besten der Besten“, sagt sie. Ein Schriftsteller habe sich einmal gerade so durch die eigene Lesung geschleppt und sei danach zusammengebrochen, weil seine Frau schwer krank war. „Danach haben wir ihn alle aufgepäppelt“, sagt Gansebohm. Einmal musste die Organisatorin selbst zum Buch greifen: Als Ersatz für eine Autorin, die ihre Lesetermine verwechselt hatte und nicht erschien. Entgegen mancher Gerüchte stinke es in den Zelten übrigens nicht nach Füßen, sagt sie und lacht.

Mittlerweile zu einer Tradition gereift, wussten die Veranstalter beim ersten Wintersalon nicht, ob die Idee überhaupt funktioniert. „Damals war das eine kühne Idee“, sagt Cerry Reiche von der Werbegemeinschaft Sony-Center. Man habe einen Ort der Begegnung schaffen wollen, mitten im Winter. Gewonnen hatte das Konzept, das dem Sony-Center als modernem Ensemble aus Stahl und Glas etwas Naturbelassenes und Urwüchsiges entgegensetzen wollte. Weil die Jurten in der Konstruktion mit den hölzernen Trägern und der runden Form entfernt dem Center ähneln, fiel die Wahl auf sie. Mit der Transsibirischen Eisenbahn wurden sie damals aus der Mongolei nach Berlin verfrachtet und kamen gerade so rechtzeitig in der Nacht vor Beginn an. Weil der russische Zoll die Ladung aufhielt, wäre die erste Lesung fast ausgefallen.

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