Stadtleben : Lieder gegen Klassenkeile

Mit einem Mammutkonzert am Brandenburger Tor traten Musiker für eine gewaltfreie Schule ein Bis zuletzt hatte es um den Auftritt des Berliner Rappers Bushido Streit gegeben

Sebastian Leber

Richie Stringini war früher selbst Opfer, damals in der sechsten Klasse. Da gab es „eine Clique, die mich verprügelt hat“. Deshalb hat der Sänger der Teenieband US5, inzwischen 18, sofort zugesagt, als man ihn fragte, ob er beim Konzert am Brandenburger Tor dabei sein wolle.

Fast 50 Popmusiker hat die Jugendzeitschrift „Bravo“ für ihr Festival gegen Gewalt an Schulen zusammenbekommen. Stars wie Sarah Connor oder Reggae-Künstler Gentleman sollten gestern ebenso auftreten wie die Berliner Gruppe Mia um Sängerin Mieze. Bis zuletzt umstritten war die Teilnahme des Tempelhofer Hiphoppers Bushido, der in seinen Songs häufig über Gewalt rappt und als schwulenfeindlich gilt. Kritiker hatten gefordert, den Rapper aus dem Programm zu verbannen – die Veranstalter erklärten dagegen, Bushido sei gerade deshalb für die Veranstaltung wichtig, weil er von den gewaltbereiten Schülern respektiert werde und deshalb positiv auf sie einwirken könne. Kein anderer könne so glaubhaft wie er zu den Schülern sprechen, hieß es. Eine Kostprobe seiner Fähigkeiten hatte Bushido bereits Anfang des Monats bei einem Vortreffen gegeben: „Gewalt ist nicht korrekt, ich weiß, wovon ich rede.“

Der Rapper sollte erst am Abend auf die Bühne steigen, zu Beginn waren Auftritte der Teeniebands US5, Nevada Tan und Monrose geplant. Bis zu 50 000 Jugendliche wurden erwartet, schon am Vortrag hatten die Veranstalter mehr als 20 000 Karten verkauft. Wer kein Geld für ein Ticket ausgeben wollte, hatte die Möglichkeit, sich hinter die Absperrungen zu stellen und das gegen 15 Uhr startende Konzert gratis aus der Ferne zu verfolgen.

Möglicherweise wird das Festival im nächsten Jahr wiederholt, sagte BravoChefredakteur Tom Junkersdorf im Vorfeld. Er betonte, dass mittlerweile jeder dritte Schüler Angst vor dem Unterricht habe und jeder fünfte bereits am eigenen Leib Gewalt erlebt habe. „Heute fürchten sich die Schüler nicht mehr vor Mathe oder Physik, sondern vor ihren Mitschülern.“ 500 Leserbriefe erhalte seine Zeitschrift jeden Tag zu diesem Thema, das Problem habe „eine Dimension angenommen, bei der wir uns alle fragen müssen, wie wir dagegen vorgehen können“.

Nicht nur US5-Sänger Richie Stringini kann von eigenen schlechten Erlebnissen in der Schule berichten. Viva-Moderator Klaas Heufer-Umlauf, der gestern das Konzert am Brandenburger Tor moderieren sollte, hat zu Schulzeiten ebenfalls Mobbing erlebt. Mal sei er von Mitschülern im Klassenzimmer eingesperrt und erst nach Stunden vom Hausmeister befreit worden, mal habe man ihm Kaugummis an seine Tasche geklebt. „Im Nachhinein klingt das vielleicht harmlos“, sagt er. „Aber damals habe ich darunter stark gelitten.“

Das Konzert war als Teil einer langfristigen Kampagne geplant, bei der inzwischen 100 Musiker, Moderatoren und Sportler zu einem friedlicheren Umgang an Schulen aufrufen. Unter anderem machen die Bands Tokio Hotel und Silbermond, Soul-Sänger Xavier Naidoo und Deutschlands Nationalstürmer Miroslav Klose mit. Auch TV-Spaßmacher Oliver Pocher engagiert sich gegen Gewalt. Schlägereien führen „zu absolut nichts“, sagt er. Pocher empfiehlt stattdessen das, was er selbst am besten kann: nur verbal den Schläger raushängen zu lassen. „Große Klappe kommt besser“, sagt er.

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