Lifestyle : Wie man die Ruhe im stürmischen Alltag wiederfindet

Der Alltag ist schnell und voller Reize. Um gesund zu bleiben, sollte man ihn entschleunigen. Aber wie?

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Abhängen erwünscht. Wer sich am Wochenende wirklich erholen will, sollte einen großen Bogen um Computer und Telefon machen. Besonders gut entkommt man der Zivilisation natürlich draußen – im Garten oder bei einer Landpartie. Foto: picture-alliance/dpa/dpaweb
Abhängen erwünscht. Wer sich am Wochenende wirklich erholen will, sollte einen großen Bogen um Computer und Telefon machen....Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb

Wer schafft es schon, die ganze Bibel zu lesen. Allein das alte Testament hat ja um die tausend Seiten. Aber bis zur zweiten Seite könnte man durchaus mal wieder blättern. Denn die Schöpfunggeschichte hält mindestens einen sehr guten Rat für den Alltag bereit: „Und so vollendete Gott am siebenten Tag seine Werke (...) und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.“

Jahrhundertelang haben sich Menschen ein Beispiel daran genommen und den Sonntag als Tag der Entspannung und Entschleunigung genutzt – auch wenn sie es natürlich nicht so ausgedrückt hätten. Von ihren Großeltern, die den Sonntag noch geehrt hätten, erzählt die Psychologin Kathrin Kiss-Elder gern, wenn man sie nach Rezepten für die Entschleunigung des Alltags fragt. Sie hat sich beruflich intensiv mit dem Thema beschäftigt und nutzt ihre Erkenntnisse auch privat: „Jeden Samstagabend räume ich den Computer vom Schreibtisch und bin sonntags nicht per Mail zu erreichen.“

Wikipedia beschreibt Entschleunigung als „Verhalten, bei dem man aktiv der beruflichen und privaten Beschleunigung des Lebens entgegensteuert“. „Ich sehe es sehr kritisch, dass sich die Leute immer viel zu viel vornehmen – auch in der Freizeit“, sagt Kathrin Kiss-Elder. „Die Lebensqualität sinkt, kleine Krankheiten entstehen – die Sollbruchstellen werden aktiviert.“ Das heutige Leben ist voller Reize: Internet, Fernsehen, Straßenverkehr, Menschenmassen, Handyklingeln, SMS. Und das kann zu einer Art Sucht werden. „Die Reizüberflutung hat auch eine neurophysiologische Komponente“, sagt die Psychologin. „Es ist schwierig, nach einem übervollen Tag den Übergang zur Nachtruhe hinzubekommen. Man muss die Reize sehr langsam und bewusst herunterfahren.“ Vielen Leuten falle es aber schwer, die „Leistungsschiene“ zu verlassen. Die meisten setzen sich nach der Arbeit vor den Fernseher – wo das Gehirn weiter mit Reizen traktiert wird. „Ein erster Schritt ist es, bewusster fernzusehen“, sagt Kathrin Kiss-Elder. Man solle den Fernseher nicht nebenherlaufen lassen, etwa beim Essen oder Einschlafen. „Wenn man das nur noch beim Fernsehen oder Radiohören kann, ist das ein Zeichen, dass man etwas ändern muss.“

Die Reize dürfen aber auch nicht sofort aufhören. Denn sonst liegt man im dunklen Zimmer und die Bilder des Tages steigen vor einem auf wie Halluzinationen. Statt also vor dem Fernseher zu sitzen, solle man vor dem Schlafengehen ganz ruhig spazieren gehen, empfiehlt Kathrin Kiss-Elder. Aber auf keinen Fall joggen – das gehört nämlich wieder zur „Leistungsschiene“.

Die Psychologin kennt viele kleine Rezepte, um die Geschwindigkeit des Alltags zu drosseln: Man solle sich einfach mal zehn oder fünfzehn Minuten ruhig hinsetzen und nichts tun – ohne Zeitung, ohne eine Tasse Tee, ohne Zigarette. „Das kann für einige Menschen eine ziemliche Herausforderung sein“, sagt Kathrin Kiss-Elder. Als Single solle man sich vornehmen, mindestens eine halbe Stunde niemanden anzurufen, wenn man nach der Arbeit nach Hause kommt. Wer Kinder habe, könne ihnen ab einem gewissen Alter beibringen, dass die erste halbe Stunde einem selbst gehört – um wieder „bei sich selbst anzukommen“. Das muss man auch nach großen beruflichen Projekten, bei denen man jeden Tag bis Mitternacht arbeitet. „Wenn abzusehen ist, dass das Projekt zu Ende geht, sollte man langsam weniger arbeiten, mal eine Stunde früher nach Hause gehen.“ Sonst falle man am Ende in „das berühmte schwarze Loch.“

Noch ein Tipp: den Sonnabend nicht in einer Fußgängerzone verbringen – schon gar nicht mit Kindern. Die meisten Leute gewöhnten ihren Nachwuchs schon viel zu früh an das reizüberflutete Leben, sagt die Psychologin.

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