Stadtleben : Lindgrens Lieblinge

Heute beginnen die 18. Berliner Märchentage. Im Mittelpunkt stehen Ronja Räubertochter, Pippi Langstrumpf und Co.

Sebastian Leber

Klassische Märchen gehen anders. Bei Astrid Lindgren werden keine Hexen verbrannt, keine Großmütter gefressen und niemals Geißlein mit dem Tode bedroht – die größte Gefahr ist, auf die Streiche eines übermütigen Blondschopfs hereinzufallen. Trotzdem stehen die Geschichten der schwedischen Kinderbuchautorin im Mittelpunkt der diesjährigen Berliner Märchentage. Aus gutem Grund: Am kommenden Mittwoch wäre Astrid Lindgren 100 Jahre alt geworden.

Heute geht es los, bis zum 25. November finden jeden Abend an verschiedenen Orten der Stadt Lesungen, Konzerte und Vorträge statt. Theaterstücke sind genauso geplant wie Spieleabende. 850 Termine werden es insgesamt sein. Manche sind seit Wochen ausgebucht, andere nur für Schulklassen gedacht. Doch keine Angst: Es gibt noch genug Veranstaltungen, zu denen man sich anmelden kann (siehe Kasten).

Natürlich wird Lindgrens Geburtstag überall auf der Welt gefeiert. Aber in Deutschland habe die Verehrung der Autorin, die 2002 im Alter von 94 Jahren starb, eine ganz eigene Dimension erreicht, behauptet zumindest Aris Fioretos, Schwedens Kulturattaché in Berlin. „Die Liebe der Deutschen zu ihr ist ziemlich einmalig“, sagt er. Und die zu ihren Figuren: Da sind Michel aus Lönneberga, Karlsson vom Dach, die Brüder Löwenherz, die Kinder aus Bullerbü. Und natürlich Pippi Langstrumpf, laut wissenschaftlichen Studien die zweitbekannteste Kinderbuchfigur der Welt, gleich hinter Harry Potter. Sehr beliebt sind in Deutschland auch Ronja Räubertochter und ihre Abenteuer mit Wilddruden, Graugnomen und Freund Birk Borkason. Die Kinoverfilmung aus dem Jahr 1984 war eine deutsch-schwedische Co-Produktion. Im Rahmen der Berliner Märchentage wird Ronjas Geschichte gleich mehrfach vorgelesen und als Theaterstück aufgeführt.

Weil Lindgrens Erzählungen im Mittelpunkt der Tage stehen sollten, war es nur logisch, dass die Veranstalter im Vorfeld bei der schwedischen Botschaft um Unterstützung angefragt haben. In dem Haus in der Rauchstraße in Tiergarten finden nun diverse Veranstaltungen statt. Regelmäßige Besucher der Märchentage kennen das Gebäude wahrscheinlich bereits, zumindest vom Sehen: 2005 wurde gleich nebenan in der dänischen Botschaft vorgelesen – damals wäre Hans Christian Andersen 200 Jahre alt geworden. Am Sonnabend lädt die schwedische Botschaft zu einer Veranstaltung, die sich vor allem an Erwachsene richtet. Nicht, dass es hier brutal oder derb zuginge, Astrid Lindgren hat in ihren Geschichten auch niemals Schimpfworte benutzt, allenfalls harmlose Floskeln, zum Beispiel das berühmt gewordene „Zum Donnerdrummel“, das Ronjas Vater so gerne raunzt.

Nein, am Sonnabend soll ernsthaft bis wissenschaftlich über das Phänomen Lindgren diskutiert werden: beim eintägigen Symposium mit dem Titel „Über Grenzgänger und Zwischenwelten“. Die Publizistin Felizitas Gräfin von Schönborn hält einen Vortrag zum Thema „Astrid, Pippi und das moderne Frauenbild“, der Berliner Literaturwissenschaftler Dietmar Voss setzt sich mit der „Rolle von Grenzen in alten Mythen und moderner Literatur“ auseinander. Auch die Stockholmer Schriftstellerin Karin Alvtegen wird anwesend sein. Sie kann sich der Aufmerksamkeit aller Anwesenden sicher sein: Alvtegen ist Astrid Lindgrens Großnichte.

Die Schweden sind stolz auf ihre Bestseller-Autorin und deren Erfolg. Aber zufällig sei der nicht gekommen, sagt Kulturattaché Aris Fioretos. Schließlich stammt Lindgren aus der südschwedischen Provinz Småland. Und dort seien die Menschen so, wie man sich hierzulande die Schwaben vorstelle: sehr, sehr fleißig, vielleicht auch ein bisschen geizig. Aus Småland kommen viele weltweit erfolgreiche Unternehmen, weiß Fioretos. Auch Ikea. Der Kulturattaché nennt Lindgren gerne „die kluge Frau der schwedischen Literatur“. Weil sie es als eine der wenigen Menschen verstanden habe, „das ,Vielleicht‘ zu zelebrieren“. Also in ihren Geschichten nie klar zwischen Wirklichkeit und Fantasie zu trennen.

Wie im Vorjahr verleihen die Märchentage-Macher zum Abschluss Preise. Am 25. November wird „Die Goldene Erbse“ übergeben – leider dürfen nur geladene Gäste dabei sein. Ausgezeichnet werden unter anderem Sänger Peter Maffay und der schwedische Autor Henning Mankell, der in Deutschland vor allem für seine Krimireihe mit Kurt Wallander bekannt ist, aber seit langem auch Kinderbücher schreibt. Außerdem wird die Hamburger Verlegerin Heidi Oetinger geehrt, über Jahrzehnte hinweg eine enge Freundin und Förderin von Astrid Lindgren. Ohne Oetinger hätte sie in Deutschland niemals Fuß fassen können, hat Lindgren einmal gesagt. Deshalb wurde die heute 98-jährige Deutsche in Schweden bereits zum „Ritter der ersten Klasse des Königlichen Nordsternordens“ geschlagen. Von dieser Ehrung weiß man schon, wie bescheiden Oetinger ist. Und dass sie bei der Berliner Preisverleihung jeden Anteil am weltweiten Erfolg von Pippi und Co. konsequent bestreiten wird.

Auch die Märchentage sind inzwischen unbestreitbar eine Erfolgsgeschichte. Dank neuer Sponsoren ist die Finanzierung bereits bis ins Jahr 2009 gesichert. Und am Programm des nächsten Jahres wird auch schon gearbeitet, es soll um „Märchen und Geschichten aus der viersprachigen Schweiz“ gehen. Da werden dann Heidi, Alm-Öhi und Geißenpeter vorgelesen. Und natürlich Wilhelm Tell. Der, versprechen die Veranstalter, habe sehr viel mehr zu bieten als die Sache mit Apfel und Armbrust.

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