Stadtleben : Lottchen Superstar

Das Theaterstück über Charlotte von Mahlsdorf wird weltweit aufgeführt. Davon profitiert ihr Museum

Christoph Stollowsky

Die Polka ist für viele US-Touristen der Hit. Das erlebt Monika Schulz jedes Mal, wenn sie die Walze des großen mechanischen Musikinstrumentes mit dem Sound eines Tanzsaal-Orchesters in Gang setzt und selbst ein paar Hopser im Zweivierteltakt wagt. „Dann hält kein Amerikaner still“, erzählt sie – zumal ihr die Gäste aus Übersee schon mit glänzenden Augen folgen, seit sie die Freitreppe zum Gutshaus Mahlsdorf hinaufgestiegen sind. In den Salons von Deutschlands größtem Gründerzeitmuseum wird ihr Traum wahr, mal ein verwunschenes preußisches Herrenhaus mit allem Inventar zu erleben – vom Eichenbufett bis zum Porzellannachttopf.

Seit zwei Jahren begrüßen die Museumsführer oft mehr Touristen aus den USA, Südamerika, Australien oder Spanien als deutsche Besucher. Der Grund ist ein Theaterstück, das seit längerem am Broadway, aber auch weltweit, mit Erfolg aufgeführt wird und heute Abend im Renaissance-Theater erstmals in Deutschland zu sehen ist. Dargestellt wird das Leben der Museumsgründerin Charlotte von Mahlsdorf. Titel: „Ich mach ja doch, was ich will“. Verfasst hat es US-Autor Doug Wright, auf der Bühne des Ein- Mann-Stücks steht Dominique Horwitz.

Museumsleiterin Monika Schulz hofft, dass nach der Premiere „endlich auch mehr Besucher aus dem Westen der Stadt kommen“, zumal das 200 Jahre alte Gutshaus ab 2008 mit einer halben Million Euro aus dem Lottotopf saniert werden soll. Doch viele West-Berliner scheuen noch immer die scheinbaren „Weltreise“ nach Mahlsdorf in Hellersdorf. Obwohl dort die S-Bahn hält und man im Auto ab Alex nur 15 Minuten bis zum Museum braucht. Das hat die Schar der neugierigen Gäste aus aller Welt längst herausgefunden. Sie sahen Wrights Stück, nun wollen sie die Originalkulisse kennenlernen und fragen: Was ist mit Charlottes Lebenswerk geschehen, seit sie 2002 starb?

Denn dieses Museum ist mehr als eine faszinierende Sammlung. Es erzählt vom Ringen um Toleranz und Selbstverwirklichung. Als Charlotte 1960 mit 32 Jahren das Gutshaus entdeckte, dort einzog und ihr Museum gründete, hieß sie noch Lothar Berfelde. Aber der fühlte sich im Männerkörper fremd, wollte mit einem Knicks eigentlich nie mehr als ein Dienstmädchen sein und schuf sich mit seiner Sammelleidenschaft rund um die Gründerzeit seine eigene, ihm gemäße Welt: Aus Lothar wurde Lottchen. Charlotte von Mahlsdorf, Berlins bekanntester Transvestit, ging am liebsten mit Staubwedel und Kittelschürze durch die Salons.

Als Charlotte das Herrenhaus erstmals betrat, war es eine Ruine. Als sie 1995 mit dem Senat um die Sanierung stritt und schließlich frustriert nach Schweden auswanderte, war zumindest im Parterre und im Park schon ein gründerzeitliches Idyll entstanden – mit zwölf kompletten Zimmern, einer Sammlung mechanischer Musikinstrumente und der „Mulackritze“. Die legendäre Zille-Kneipe aus der Mulackstraße sollte 1963 aufgelöst werden, Charlotte rettete das Mobiliar und richtete dieselbe originalgetreu bis zum „Nutten-Zimmer“ im Museum wieder ein.

Seit 1997 kümmert sich ein Förderverein um Haus und Sammlung. Im Gartensaal werden Ehen zum „Hochzeitsmarsch“ aus der Spieluhr geschlossen, in den Salons und der Mulackritze kann man an Kleinkunstabenden die Gründerzeit und 20er Jahre „live“ erleben, tausende schauen sich die Sammlung an. Das sichert die nötigsten Finanzen, reicht aber nicht, weshalb sich Monika Schulz um Sponsoren und Publicity bemüht. Erfolg hatte sie bei der Lottostiftung. Und mit der heutigen Premiere ist nun ein weiterer Coup gelungen: 2006 waren der Autor des Charlotte-Stücks Doug Wright und US-Darsteller Jefferson Mays ins Gutshaus eingeladen. Vor Berliner Theatermachern spielte Jefferson einige Szenen. Das Renaissance-Theater griff zu.

Gründerzeitmuseum, HultschinerDamm 333, Tel.: 5678329, www.gruenderzeitmuseum.de, Mi./Do., 10-18 Uhr. Das Theaterstück wird bis 10. Dezember aufgeführt, www.renaissance-theater.de.

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