Loveparade-Ersatz : Jenseits der Trillerpfeife

Heute ist wieder Planet Pro Berlin im Tiergarten. Es gibt Bands und DJs und nur wenig Techno.

Sebastian Leber

Wenn Mijk van Dijk heute Abend an die Plattenteller tritt, kommt vielleicht ein bisschen Loveparade-Stimmung auf. Der DJ war in den 90er Jahren mehrfach beim Technoumzug dabei. Ansonsten ist die Musikveranstaltung „Planet Pro Berlin“, die um 12 Uhr auf der Straße des 17. Juni beginnt, völlig anders als die nach Essen verzogene Loveparade, weiß Veranstalterin Jeannie Foitzik. Deshalb vorneweg ein Rat: Trillerpfeife und Kuhfellstulpen besser zu Hause lassen.

Zwölf Bühnen haben Foitzik und ihr zehnköpfiges Team aufstellen lassen. Die wichtigste Regel bei der Musikauswahl lautete: Alles ist erlaubt. „Weil einen im Leben doch jede Stilrichtung auf die eine oder andere Art bewegt“, sagt die 39Jährige. Selbst der überzeugteste Rocker könne sich über Schlagermusik freuen – „vielleicht hat er ja zufällig seine erste Liebe zu so einer Schnulze geküsst“. Jeannie Foitzik arbeitet seit langem in der Musikbranche. Früher hat sie für die Technozeitschrift „Frontpage“ gearbeitet, später für den Plattenriesen Sony, heute für die Deutschen Phonoverbände. Ganz am Anfang ihrer Karriere, das verschweigt sie nicht, war sie bei der Plattenfirma der Wildecker Herzbuben.

Die hat Foitzik heute nicht eingeladen. Aber eine ganze Reihe von Musikern, die in dieser Kombination noch nicht gemeinsam auf einem Festival aufgetreten sind. Auf der Hauptbühne spielt die Hamburger Teenie-Band Nevada Tan, derzeit wohl die härteste Konkurrenz von Tokio Hotel. Der Berliner Reggae- und SoulKünstler Mellow Mark ist ebenso dabei wie die Nürnberger Country-Gruppe Smokestack Lightnin’, die kürzlich dadurch bekannt wurde, dass sie die Titelmelodie der 80er-Jahre-Fernsehserie „Ein Colt für alle Fälle“ neu interpretierte. Smokestack Lightnin’ muss man gesehen haben, findet Foitzik. Schon allein deshalb, weil sich die vier bei ihren Konzerten immer so schön frisiert zeigten. Auf weiteren Bühnen wird Rock, Pop und Trance gespielt, auf einer auch Techno.

Im vergangenen Jahr gab es Planet Pro Berlin auch schon, da stand das Fest noch im Schatten der Loveparade. Trotzdem kamen im Laufe des Tages 65 000 Besucher in den Tiergarten. Doch Zahlen seien egal, sagt die Organisatorin. Möglichst entspannt solle es zugehen. Und es sollten nicht nur Jugendliche kommen, sondern auch Familien und „Leute über 30, die gerne tanzen möchten, aber nicht mehr spätabends in Clubs gehen“. So wie sie selbst. In den 90ern tanzte Foitzik die Nächte durch und dann am besten gleich weiter bis zum Nachmittag. Im alten E-Werk, in der Panorama-Bar, in der Praxis Dr. McCoy. Heute geht sie abends lieber zu Freunden oder in die Cocktailbar. „Hauptsache, ich muss nicht nachts um 2 Uhr draußen vor einem Club anstehen.“ Für ihre Generation gebe es in Berlin zu wenig Angebote – das sei eine echte Marktlücke. Planet Pro Berlin sei vielleicht ein Anfang, diese Lücke zu schließen. Sebastian Leber

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