Lynch-Familie : Von Berlin bis in den Schwarzwald

Regisseurssohn Austin Lynch und Kumpel Jason S. zeigen ihre Sicht auf Deutschland. Vier Wochen lang haben sie wahllos Menschen interviewt. Papa David Lynch hat produziert.

von
Momentaufnehmer. Austin Lynch (l.), Sohn von Regisseur David Lynch, und Jason S. hatten die Idee für das Internetdokumentarfilm-Projekt „Interview Project Germany“, das von David Lynch produziert wurde.
Momentaufnehmer. Austin Lynch (l.), Sohn von Regisseur David Lynch, und Jason S. hatten die Idee für das...Foto: Axel Schmidt/dapd

Dass Kultregisseur David Lynch dahintersteckt, haben sie den Leuten nicht erzählt. Sonst hätten die womöglich das Weite gesucht, um nicht als Vorlage in einen dieser tiefenpsychologischen Abgründe hineinzugeraten, die dann als „der neue Lynch“ die Kinogänger verstören. David Lynch ist auch gar nicht durch Deutschland getourt, um zufällige Bekanntschaften auf der Straße zu machen, die nun als „Interview Project Germany“ (IPG) im Berliner HBC-Club am Alexanderplatz vorgestellt wurden. Das IPG besteht aus 50 biografischen Kurzvideos, die zusammen eine Momentaufnahme deutscher Befindlichkeiten ergeben.

David Lynchs 28 Jahre alter Sohn Austin ist mit seinem Freund Jason S., einem Fotografen aus New York, vier Wochen lang wahllos durch Deutschland gefahren, um Bewohner dieses Landes zu interviewen. Das Gleiche hatten sie zuvor schon in den USA gemacht. Es gab kein Suchraster, kein Casting, kein Drehbuch, sondern allein den Willen, Menschen zu finden, die spontan bereit sind, ihre Gefühle, ihre Verletzungen, ihre besonderen Erlebnisse und geheimen Wünsche vor der Kamera zu erzählen, im Wissen, dass es anschließend einer Weltöffentlichkeit im Internet zugänglich gemacht wird. In Berlin haben die Filmemacher drei Protagonisten aufgetan: Einen obdachlosen Baggerfahrer, einen Schrott-Künstler aus den USA und einen Ex-Punk, der eine Ausbildung zum Altenpfleger macht.

Jede Woche werden zwei neue Interviews auf die Seite gestellt. Die Videos sind mit Umfeld-Aufnahmen angereichert und dauern rund fünf Minuten. In einer zweiten Stufe ist geplant, die Seite interaktiv zu gestalten. Dann kann jeder selbst biografische Interviews machen und auf die Seite stellen. Einem höheren Zweck dienen soll das Ganze nicht, auch wenn die Deutsche Nationalstiftung sich als Mentor in das Projekt eingeklinkt hat.

In einer Videobotschaft erklärt David Lynch, der wegen eines dringenden Termins in L. A. nicht nach Berlin kommen konnte, sein persönliches Ziel: „Ein Gefühl von Deutschland in dieser Zeit.“ In der Botschaft beantwortet er mit heiligem Ernst auch absurde Fragen. Mit zugeknöpftem Hemd und aufwärts gekämmter Grauhaarwelle wirkt er wie ein Fernsehansager aus den 50er Jahren. Er möchte den Zuschauern die Tatsache, dass sich „jederzeit Millionen von Geschichten abspielen“, deutlicher vor Augen führen, sagt Lynch. Anders formuliert: Es gibt viele Welten, von denen wir nichts ahnen. Lynchs metaphysische Neigungen hätten Berlin anno 2008 fast einen „Turm der Unbesiegbarkeit“ und eine Schule für „yogisches Fliegen“ auf dem Teufelsberg beschert. Das Projekt scheiterte.

Austin Lynch ist gelernter Sozialarbeiter und wirkt völlig unglamourös. Freund Jason S. kann dagegen richtig gangstermäßig in die Kameras gucken und das Shooting mit einem rauchigen „This is it?“ abkürzen. Jason werden von dem Filmprojekt vor allem die deutschen Hochgeschwindigkeitsautobahnen im Gedächtnis bleiben. Und Schwarzwaldbauer Karl, der den Filmteam-Bus mit seinem Traktor von einer feuchten Bergwiese zog. Karl ist nun auch ein Teil der deutschen Momentaufnahme aus dem filmischen Paralleluniversum der Lynch-Familie.

www.interviewproject.de

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben