Mädchenfußball : Zu zehnt gegen Steglitz

Vor der WM in Deutschland ist Fußball unter jungen Frauen angesagt wie nie. Die Herkunft spielt hier keine Rolle. Ein Besuch bei der Frauen-Truppe von Türkiyemspor.

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Der große Traum von der Nationalmannschaft. Die Spielerinnen der U15-Mannschaft von Türkiyemspor beim Training. Sie sind zwischen 13 und 15 Jahren alt.
Der große Traum von der Nationalmannschaft. Die Spielerinnen der U15-Mannschaft von Türkiyemspor beim Training. Sie sind zwischen...Fotos: Mike Wolff

Es ist Montagabend und bereits dunkel. Eine schmale Mondsichel steht am Himmel und ein kühler Wind pfeift an dem Vorfrühlingsabend über den Sportplatz in Kreuzberg. Warm eingepackt steht der Trainer am Umkleidegebäude und begrüßt seine Fußballmädchen. Zwei sind krank. Eine ist erkältet, die andere hat sich beim Spiel gegen den BSC Marzahn am Knie verletzt. Dennoch kommen die beiden zum Training. „Was soll ich zu Hause rumhängen, ey?”, sagt die 13-jährige Nilben Kaya und tippt rasch eine SMS in ihr Handy. „,Ey‘ sagen wir hier nicht, das weißt du. Und das Handy packst du bitte weg”, korrigiert Trainer Nicolay Borsetzky oder kurz Nico, wie die Spielerinnen der U15-Mannschaft von Türkiyemspor Berlin den 43-Jährigen nennen. Mit Wärme und Achtung in der Stimme, fast wie für einen großen Bruder.

„Nico“ hat in den letzten drei Jahren als Trainer einige Regeln eingeführt: Handyverbot, Deutschgebot, Verzicht auf Straßenslang und höfliches Begrüßen per Händedruck. „Die Mädchen sollen hier nicht nur Fußball, sondern auch Respekt und Toleranz lernen und ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln”, sagt der Kreuzberger, der jahrzehntelange Erfahrung als Fußballtrainer hat. Und tatsächlich scheinen die Mädchen, deren Familien unter anderem aus Deutschland, der Türkei, dem Kosovo und Ghana stammen, die klaren Ansagen zu mögen. Keine rebelliert, wenn Borsetzky sie ermahnt, im Gegenteil: Ein kleines Lächeln der Zustimmung spielt in ihren lebhaften Augen, wenn er sie zu Beginn des Trainings wiederholt auffordert, auf ihren Umgangston zu achten. Im Kreis stehend wird besprochen, was beim ersten Spiel nach der Winterpause gegen Marzahn schief gelaufen ist. „Ihr müsst noch mehr an eurer Einstellung arbeiten”, sagt der Trainer. Dann schickt er die Mädchen 15 Minuten zum Einlaufen auf die Bahn. Sportlich sehen sie aus mit ihrem lockeren Laufstil, den lässigen Fußballshorts und den blau-weißen Trikots.

Die meisten der 13- bis 15-Jährigen spielen schon lange Fußball. Jahrelang kickten sie auf kleinen Bolzplätzen in ihrem Kiez, bis sie zum Verein kamen. Wie die Kreuzbergerin Sevde Okumuÿ mit den langen Locken, deren Familie aus der Türkei stammt und die oft zusammen mit ihrem Vater, der Fußballtrainer ist, auf dem Platz war. Andere spielten mit den eigenen Brüdern wie Madlen Rahal, die seit einem Trauerfall in der Familie ein weißes Kopftuch trägt und palästinensischer Herkunft ist. Fetije Ramshaj hat ähnlich begonnen. Als die heute 14-Jährige ein Jahr alt war, ist sie mit ihren Eltern aus dem Kosovo nach Berlin gekommen. Im Alter von fünf fängt sie an, mit ihrem älteren Cousin in Neukölln auf der Straße zu kicken. „Seitdem liebe ich Fußball und das Gemeinschaftsgefühl dabei. Selbst wenn wir kein Training haben, treffe ich mich mit meinen Freundinnen zum Spielen”, erzählt Fetije. Durch das Fußballspielen fühle sie sich viel ausgeglichener, sagt sie.

Dabei war erst gar nicht sicher, ob Fetije auf den Rat ihres Grundschullehrers in den Verein gehen darf: Ihre Eltern fanden, Fußball sei nichts für Mädchen. „Dann kam meine Mutter einmal mit zum Training und es war ok“, sagt sie ruhig und selbstbewusst. Gern trägt Fetije auf dem Platz, wo sie im zentralen Mittelfeld sprintstark und passgenau eine harte Nuss für ihre Gegnerinnen ist, einen schwarzen Reifen in ihren langen Haaren. Später will die Achtklässlerin, die auf dem Albert-Schweitzer-Gymnasium nicht nur gut in Sport, sondern auch in Kunst ist, Architektur studieren. „Oder ich folge meinem Vorbild Fatmire Bajramaj vom deutschen Meister 1. FFC Turbine Potsdam und werde Nationalspielerin. Das wäre mein Traum”, sagt sie mit leuchtenden Augen, bevor sie sich den anderen Mädchen für eine Dribbelübung anschließt. Bajramaj stammt auch aus dem Kosovo und ihr Vater ist Bauarbeiter wie der von Fetije.

Dass das Eröffnungsspiel der Fußball- Weltmeisterschaft der Frauen zwischen Deutschland und Kanada am 26. Juni im Berliner Olympiastadion ausgetragen wird, freut Fetije, Sevde, Madlen und die anderen Mädchen riesig. Auch wenn sie es bedauern, dass es das einzige WM-Spiel in Berlin sein wird. „Ich will auf jeden Fall hin und glaube, meine Mutter schenkt mir Karten”, sagt Madlen. Die 15-Jährige lebt in Wedding, möchte Flugbegleiterin werden und spielt im rechten Mittelfeld. Als sie mit dem Verein über einen Austausch des Landessportbundes Berlin 2010 erstmals nach Jerusalem kommt, ist das eine tiefgreifende Erfahrung für sie. Der Kontakt zur palästinensischen Gastfamilie wird dabei so eng, dass Madlen die neuen Freunde in diesem Jahr wieder besuchen wird.

Sowohl Madlens als auch Sevdes Eltern hatten von Anfang an keine Einwände gegen das Hobby ihrer Töchter. „Mach was draus und geh in den Verein”, hat Sevdes Vater vor drei Jahren seine heute 14-Jährige angespornt. Aber nicht alle denken so. Und das betrifft nicht nur Eltern mit Migrationshintergrund, die nach Angaben des Integrationsbeauftragten des Berliner Fußball-Verbandes, Mehmet Matur, oft ein „besonders großes Schutzbedürfnis” hegen, sondern auch deutsche Familien. „Das sieht so männlich aus”, „Frauenfußball ist unästhetisch“ oder „Fußball macht hässliche Beine” sind einige der Vorurteile, die sich Borsetzky schon oft anhören durfte. Viel Überzeugungsarbeit ist dann notwendig und oft ist sie erfolgreich. „Wenn die Eltern beim Training sehen, wie glücklich ihre Töchter hier sind, ändern viele ihre Meinung”, sagt der Trainer.

Er ist stolz, dass seine Mädchen seit dieser Saison in der Verbandsliga spielen. Auch wenn sie zurzeit noch auf Platz acht der Tabelle stehen. „Mensch Nilben, da musst du mit”, ruft er der kleinen aber umso flinkeren Nilben Kaya zu, als sie die Gegnerin beim Trainingsspiel mit dem Ball an sich vorbei laufen lässt. Der Kunstrasen des Stadions sieht arg mitgenommen aus, das Regenwasser läuft nicht richtig ab, die Linien sind kaum mehr zu erkennen und an einigen Stellen wölben sich Flicken nach oben. „Der Bezirk müsste endlich reagieren aber wir werden stets vertröstet“, sagt Borsetzky. Zehn Euro kostet der Monatsbeitrag bei Türkiyemspor, viel kann sich der Verein selbst nicht leisten.

„Die meisten Vereine haben Geldprobleme”, bestätigt Matur. Obwohl Frauenfußball in Folge des durch die WM 2006 und die EM 2008 ausgelösten Booms und die zwei Weltmeistertitel der Frauenfußball-Nationalmannschaft zu den am schnellsten wachsenden Sportarten gehört. Etwa 11 000 Mädchen und Frauen sind derzeit in rund 320 Berliner Vereinen aktiv. Doch den Vereinen fehlt die Unterstützung durch öffentliche Gelder und Sponsoren, so Matur. Dabei kosten ein paar Bälle rund 200 und ein Satz Spieltrikots 300 Euro – Summen, die auch kleine Unternehmen aufbringen könnten. Und ein Trainerschein ist auch nicht teurer. „Gerade das ist eine auf Nachhaltigkeit gerichtete und sehr notwendige Investition“, sagt Matur. Denn es mangelt auch an Trainern. „Die Politik müsste für die Basisarbeit viel mehr tun. Zehn Prozent der Gewinne aus der Frauen-WM würden schon reichen”, fordert Matur.

Der schlechte Platzzustand und fehlende Trikots sind auch schon mal unter den C-Mädchen Gesprächsthema. Aber nicht ausgerechnet an einem Spieltag. An diesem Abend steht nämlich in Steglitz das Spiel gegen den Tabellenzweiten SFC Stern 1900 an. Nach dem Aufwärmen geht es noch mal in die Kabine, wo Borsetzky der Mannschaft, die heute nur zu zehnt spielt, letzte Anweisungen gibt. Konzentriert hören die Spielerinnen zu. „Die Unterzahl könnt ihr nur über die richtige Einstellung ausgleichen”, sagt der Trainer. „Und lasst die Räume zu und sprecht während des Spiels miteinander.” Die Mädchen nicken, kontrollieren noch einmal den Sitz ihrer Schienbeinschoner, dann geht es hinaus auf den von Flutlicht beschienenen Platz. Es beginnt, leicht zu regnen.

Zunächst läuft es prima. Türkiyemspor kämpft hart um den Ball, die 15-jährige Cagla Yildirim, die heute zum ersten Mal im Tor steht, hält gut. Bald schon schießt die 14-jährige langbeinige, schnelle Deutsch-Ghanaerin Crissy Sturm ein Tor, das die Stern-Mädchen aber nicht lange unbeantwortet lassen. Und so steht es 1:1, als Borsetzky für die Halbzeitbesprechung mit den Mädchen in die Kabine geht. „Es wirkt, als wärt ihr bloß zu acht. Jede von euch hat ihre Stärke – besinnt euch darauf”, motiviert Borsetzky seine etwas müde wirkende Mannschaft. Scheinbar umsonst. 15 Minuten vor Spielende steht es 4:1 für den SFC Stern, der Faden bei Türkiyemspor scheint gerissen. Bis Fetije eine Ecke zum 4:2 verwandelt. Die veränderte Stimmung ist fast mit Händen greifbar, die Mannschaft wirkt wie verwandelt und die Gegnerinnen sind überrumpelt. Auch Crissy schießt noch ein Tor, so dass die Blau-Weißen am Ende mit dem respektablen Ergebnis von 3:4 gegen den Ligazweiten vom Platz gehen. Manches Knie ist aufgeschürft, Schienbeinschoner sind verrutscht und Haarzöpfe aufgelöst. Aber die Mädchen sind stolz. „Cool, das war echt super”, sagt Sevde und nimmt Fetije freudestrahlend in den Arm. „Spielerisch wart ihr unterlegen, doch eure kämpferische Einstellung war prima”, lobt auch der Trainer, bevor er die Kabine verlässt, damit die Spielerinnen sich umziehen können. Zehn Minuten später kommen Fetije, Sevde, Crissy und die anderen aus dem Sportgebäude. Frisch gekämmt, in modische Jeans und schwarze Leggings, in Rollkragenpullover und Strickjacke gekleidet, gehen die Mädchen munter redend am Sportplatz vorbei, wo schon das nächste Spiel stattfindet. Wie sie aussehen, könnten die Mädchen auf dem Weg ins Café oder Kino sein. Bis einige Meter von ihnen der Ball ins Aus geht. „Den kriege ich!” ruft Cagla, sprintet in ihren schicken Halbschuhen los und schießt.

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