Marathon-Impressionen : Lauf, Papa, lauf!

Große Gefühle, langer Atem, kurze Pausen, saure Überraschungen, verschlungene Wege: Beim Berlin-Marathon war für jeden was dabei - auf und neben der Strecke.

Florian Ernst
Laufender Vater
Auch Väter mit Kind waren beim Berlin-Marathon unterwegs. -Foto: Thilo Rückeis

Die Läufer:

Trotz dreier Startblocks sei es unglaublich voll gewesen, erzählt ein Läufer aus Berlin nach dem Lauf. „Die Leute wurden regelrecht zusammengepresst.“ Die Tatsache, dass einige Teilnehmer die Barrieren übersprungen hätten, um eine bessere Startposition zu erlangen, habe die Lage zusätzlich verschärft. Es sei vereinzelt zu Streit und Rempeleien gekommen, sagt er. Die Stimmung an der Strecke sei dieses Jahr jedoch besonders gut gewesen, was auch an der verbesserten Streckenführung liege.

Die Erfrischung: Eine saure Überraschung erlebten einige Läufer an der Verpflegungsstation am Wittenbergplatz: Die Getränkebecher, die sie von den Helfern gereicht bekamen, waren hier statt mit Wasser mit Zitronentee gefüllt. Diejenigen, die sich das Ganze übers Gesicht kippten, kniffen die Augen zusammen, weil’s doch etwas brannte.

Die Pausierer: Bei Kilometer 35 sitzt ein junger Mann auf dem Bordstein. „Ich brauche nur eine kleine Pause, ich wär’ bei Kilometer 25 schon fast weg gewesen“, erzählt er. Es ist sein erster Marathon. Nach Berlin sei er gekommen, weil man ihm erzählt habe, es sei der leichteste Marathon, weil es keine Steigungen gebe. „Ich will gar nicht wissen, wie ein schwerer Marathon aussieht.“ Auf dem Kurfürstendamm übergibt sich ein Mann an einen Baum. Auf seinem T-Shirt steht „Rick“. Die herbeigeeilten Sanitäter schickt er weg. Kurze Zeit später kämpft sich auch Rick – wenn auch etwas bleich – weiter Richtung Ziel.

Die Fans
: Von der S-Bahn-Brücke über die Yorkstraße hängt ein großes Plakat „Lauf Papa, Deine Cosi“. Direkt an der Strecke feuern Zuschauer in kleinen Gruppen die Läufer an. Immer wenn ein Bekannter angerannt kommt, wird es laut. Eine Frau ist mit ihrer Tochter gekommen, um den Vater anzufeuern. Sie haben einen blauen Regenschirm mitgebracht, damit er sie auch am Streckenrand erkennt. Am Hohenzollerndamm fängt ein Mann an zu winken. Schnell platziert er seine Videokamera auf einem Schaltkasten, dann kommt seine Frau angelaufen. Er gibt ihr eine Trinkflasche und ein paar aufmunternde Sätze mit auf den Weg, dann läuft sie weiter. „Sie wollte unter vier Stunden kommen“, sagt er. „Das wird sie leider nicht ganz schaffen.“ Auf dem Kurfürstendamm macht eine Gruppe Dänen Stimmung. Jeder Landsmann wird mit „Go for Denmark“ angefeuert.

Der Autofahrer:
Mit dem Fahrrad in den inneren Ring der Marathon-Strecke? Lieber nicht, denkt sich um 9 Uhr der Kreuzberger Autofahrer. „Sonst stehe ich noch am Kottbusser Damm und komme nicht über die Straße, weil gerade eine Stunde lang das Hauptfeld durchläuft.“ Also einmal um die halbe Innenstadt und am Hauptbahnhof in den Tiergartentunnel – das Hauptschlupfloch in den inneren Kreis. Leider findet er nicht die richtige Ausfahrt und landet am Potsdamer Platz, mitten im Sperrgebiet. Also noch mal retour. Nach einer weiteren Tunnelschleife schafft er es: Er ist am Landwehrkanal – endlich drin.

Die Stimmung: In der Reichenberger Straße spricht ein Kommentator die Läufer an: „Leute, ihr habt 15 Kilometer geschafft. Hier gibt’s jetzt auch Bananen. Wenn ihr sie nicht essen könnt, kaue ich sie auch vor.“ In Kreuzberg wechseln sich Jazzbands und Trommler an der Strecke ab, in Friedenau versucht eine Dire-Straits-Coverband die Sportler anzufeuern. Unterhaltung gibt es auch in Schöneberg: Kurz vor der Urania tanzen leicht bekleidete Mädchen zu Sambarhythmen. Die Tänzerinnen kommen aus Schweden. Am besten sei die Stimmung am Wilden Eber und am Potsdamer Platz gewesen, sagt ein Läufer.

Die Aussteiger: Etwas traurig sitzt ein Läufer aus dem Senegal vor der Gedächtniskirche – an seiner Schläfe hat sich eine Salzkruste aus getrocknetem Schweiß gebildet. „Ich musste abbrechen, schade“, sagt er. „Ich war zu erschöpft. In Brüssel, wo ich wohne, arbeite ich als Fitnesstrainer. Da habe ich mich in dieser Woche einfach zu sehr verausgabt, anstatt mich für den Marathon zu schonen“, sagt er und kann dabei schon wieder lächeln. Am Hohenzollerndamm schert ein Läufer mit gelbem Trikot aus dem Feld aus, er humpelt. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt. Auch für ihn ist heute Schluss. „Gerade der Hohenzollerndamm ist eine besonders fiese Stelle“, sagt ein anderer Läufer. Der leichte, aber lang gezogene Anstieg sei schwer zu meistern. Kurz vor dem Olivaer Platz geht ein Läufer auf dem Gehweg neben der Strecke entlang. Auch er hat aufgegeben. „Ich fliege nächste Woche nach Singapur, da wollte ich mich vorher nicht komplett kaputt machen“, sagt er.

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