Mark Espiner : Die nachstellenden Augen der CCTV

Mark Espiner versucht herauszufinden, warum er sich in Berlin im Gegensatz zu London so frei fühlt.

Mark Espiner
WIRECENTER
Mark Espiner.Foto: Thilo Rückeis

Mein Freier-Eintritts-Plan für deutsche Museen hat manche von Ihnen etwas aufgeheizt. Entspannt Euch! Es war nur eine Idee. Dankeschön trotzdem, wie immer, für Ihre Kommentare.

So wie Guderian, der mich fragte: “Wenn die Museen in London so toll sind, was machen Sie dann noch hier?” Berechtigt. Nun gut, wenn wir einmal die Kleinigkeit mit dem freien Eintritt beiseite lassen, gibt es natürlich noch eine ganze Menge Dinge, bei denen Berlin eindeutig anders ist und warum ich es deshalb liebe, hier zu sein.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich, bei meinem ersten Besuch vor etwas mehr als einem Jahr, durch Mitte lief und mich wirklich frei fühlte. Mein Gang war sorglos, ich hatte einen federnden Schritt. Ich versuchte herauszufinden, warum sich mein Körper hier im Gegensatz zu London anders fühlte und da traf es mich wie ein Schlag: Ich wurde nicht ständig von CCTV Kameras angestarrt. In London ist jede Ecke damit bewaffnet; ganze Sträucher von Kameras beobachten jede Deiner Bewegungen. Es ist unmöglich, sie zu vermeiden. Man wird buchstäblich hunderte Mal am Tag von den Kameras aufgezeichnet.

In der Tat war das einer der Gründe warum ich hierher gezogen bin - um von den nachstellenden Augen der CCTV Operateure und der Invasion des Privatlebens wegzukommen.

Ich war erst kürzlich zurück in London, um für ein neues Theaterstück, an dem ich arbeite, zu recherchieren, wie weit es mit der Überwachung eigentlich schon gekommen ist im Vereinigten Königreich. Wie Sie sehen, arbeite ich, neben dem Schreiben für den Tagesspiegel, auch als Co-Regisseur und mache Theater.

Als ich, nach einiger Zeit in Berlin, in Großbritannien’s Hauptstadt zurückkehrte, war die Anzahl der Kameras schockierend.

Als Teil meiner Recherche besuchte ich ein paar der CCTV Monitoring Centres in London. Eines davon ist in einem Bunker nahe Leicester Square. In dem schäbigen Zimmer, weit unterhalb der Strassen, zoomen die Operateure detailgenau an jeden heran, der verdächtig aussieht. Es ist angsteinjagend, wie nahe sie Dich ansehen können. Und man überlegt sich, warum sie gerade die Leute ausgewählt haben, die sie beobachten.

Aber es gibt sie nicht nur in den Straßen. Es sind sogar Kameras am Eingang von Hampstead Heath. Stellen Sie sich vor, Sie gehen für einen Spaziergang in den Volkspark Friedrichshain oder Tiergarten und bemerken, dass Sie beobachtet werden. Wohlgemerkt scheinen jedoch, seit ich hergezogen bin, mehr “Video Überwachung”-Schilder zu existieren, als ich von meinem ersten Besuch in Erinnerung hatte. Es gibt sogar eins im Lift meines Wohnblocks. Aber zumindest ist da nun ein Schild, zur Zeiten der Stasi war man da nicht so höflich.

Tatsächlich ist es wohl Ihre Geschichte, die erklärt, warum Sie nicht so enthusiastisch über einen seine Bürger ausspionierenden Staat sind (zum wiederholten Male). So wie es der britische Akademiker und Journalist Timothy Garton Ash – der selbst eine Stasi Akte hatte und darüber in seinem großartigen Buch geschrieben hat – aufgezeigt hat: “Precisely because German lawmakers and judges know what it was like to live in a Stasi state, and before that in a Nazi one, they have guarded these things [privacy] more jealously than we, the British, who have taken them for granted. You value health most when you have been sick”.

Aber lassen Sie mich hier eine kleine Bemerkung der Warnung aussprechen – damit Sie Berliner nicht selbstzufrieden werden – und etwas hervorheben, was in Großbritannien wirklich überhand genommen hat. Und was nun auch hier auf dem Weg ist, bei manch neuem Bauvorhaben. Bauträger errichten elegante, glitzernde Shopping Centres und noble eingezäunte Wohnanlagen, die dann öffentliche Straßen verdrängen, und weil sie privat organisiert werden, kann man sie komplett mit eigenem CCTV und manchmal sogar mit eigenem Wachpersonal bekommen. Das ist, wie die Bauträger behaupten, um die Bewohner und Kauflustigen mit “Schutz” und “Sicherheit” zu versorgen. Aber das ignoriert die Tatsache, dass Sie nicht nach dieser Art des Schutzes und Sicherheit gefragt haben, der sowieso keiner ist – wie manche Experten dargelegt haben.

Ich muss sagen, dass ich gerne für Ihre Museen bezahle, wenn Sie dafür die Kameras aus Berlin heraushalten – sogar bei diesen “privaten” Bauvorhaben. Haben Sie ein Auge auf die Zunahme an CCTV, bevor es ein Auge auf Sie wirft.

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