Mauerfall : Die Nacht der Tabubrüche

Im Kino International lief der erste DDR-Schwulenfilm, als die Mauer fiel. Die denkwürdige Premiere wird 20 Jahre später wiederholt – an gleicher Stelle.

Lothar Heinke
307889_0_15589f6a.jpg
Coming Out. So hieß der erste Defa-Film über Homosexualität, in dem Freihof (r.) mitspielte. -Foto: Progress Film-Verleih

Diese Kinopremiere vor 20 Jahren war gleich zweifach historisch: Am 9. November lief im Kino International der erste und einzige DDR-Film über Homosexuelle. Ein Tabu war gebrochen. Und als sich der glitzernde Vorhang im Theater an der Karl-Marx-Allee schloss, da fiel unweit der aus Eisen.

Der Schauspieler Matthias Freihof hat viel zu tun an diesem Tag. Abends steigt die festliche Premiere des Films „Coming out“ im International. Vorher steht er in einer modernen Rock- und Pop-Version vom „Messias“ auf der Bühne im Palast der Republik. Ein Hauch von Perestroika durchzieht den Saal: Zum „Halleluja!“ werden Dias mit Szenen von der großen Demonstration auf dem Alexanderplatz fünf Tage zuvor an die Wand des Saales projiziert, „das war schon sehr emotional“, erinnert sich der Schauspieler, Sänger und Regisseur 20 Jahre danach.

Wir telefonieren mit Matthias Freihof, 48, in Klagenfurt, weil er dort am Landestheater das Schauspiel „Ganze Kerle“ inszeniert. Aber am 9. November wird er in Berlin sein. Denn dann wiederholt sich die Premiere von damals, an derselben Stelle. Als Déjà-vu-Ereignis und zur Erinnerung an diesen denkwürdigen Abend vor 20 Jahren.

„Also, nach dem modernisierten Händel im ,Palast’ springe ich ins Auto und fahre rüber zum ,International’. Die Vorstellung läuft noch, die letzten Bilder. Dann der Beifall. Stürmisch. Erlösend. Ich musste als erster auf die Bühne. Stand da und habe geheult. Es hat mich einfach umgehauen. Selten hat mich etwas mehr bewegt als dieser Applaus“, erinnert sich Matthias Freihof. „Wir spürten die starken Emotionen, auf der Bühne und im Saal. Wir Schauspieler wussten ja nicht, wie der Film mit seinem in der DDR noch nie so offen behandelten Thema Homosexualität ankommt. Und den Zuschauern hatte der Inhalt wie unser Umgang damit offenkundig gefallen.“

Schon im Vorfeld gab es Diskussionen um das Drehbuch. Keiner von den zuständigen Leuten wollte den Film haben. Heiner Carow als Regisseur hatte mit der „Legende von Paul und Paula“ oder „Bis dass der Tod euch scheidet“ seine Feinfühligkeit für sozialkritische Gegenwartsstoffe bewiesen, nun verfilmte er das Buch von Wolfram Witt. Der Konflikt: Wie ein Schlag trifft es Philipp, als er Matthias begegnet. Jetzt weiß er, worauf er ein Leben lang gewartet hat. Aber da ist Tanja, die Philipp liebt und ein Kind von ihm erwartet, und da sind die Vorurteile der Gesellschaft gegenüber homosexueller Partnerschaft. Philipp gerät in eine tiefe Krise.

Der damalige Defa-Direktor sagte, solange er Chef in Babelsberg ist, wird ein solcher Film nicht gedreht. Carow blieb hart, holte Gutachten ein, in einem stand, dass es eine große Solidarität zwischen Schwulen und Kommunisten in den KZ gab. Die mittlere Ebene traute sich nicht“, sagt Matthias Freihof, „aber Carow war Vizepräsident und Sektionschef in der Akademie der Künste. Er nutzte seinen guten Draht zum zuständigen Politbüromitglied Kurt Hager.“ Außerdem hatten Gorbatschows Ideen einer offeneren Gesellschaft längst auch in der DDR Fuß gefasst. In dem Buch „Spur der Filme“ beschreibt Carow die Arbeit der Crew mit Dagmar Manzel, Matthias Freihof, Dirk Kummer, Michael Gwisdek und auch Charlotte von Mahlsdorf: „Wir drehten in tiefer Einsamkeit. Niemand sah sich die Muster an, es war ein wunderschönes Arbeiten. Und als der Film fertig war – der Direktor war inzwischen weg –, bin ich zur Direktion gegangen: ,Nun müsst ihr euch den Film mal ansehen, er ist nämlich fertig’. Sie kamen alle völlig verklemmt in die Vorführung eines Streifens, der irgendwie auch ein Aufklärungsfilm war. Am Ende entschuldigten sie sich unentwegt, weil sie falsch erzogen worden seien.“

Die Premiere ist ausverkauft, man schiebt eine zweite Vorstellung hinterher. Als die Akteure an diesem Abend mit Beifall überhäuft werden, ist es weit nach Mitternacht. Nun endlich brechen sie zur Premierenfeier in den „Burgfrieden“ in der Wichertstraße auf. In dieser Schwulenkneipe spielen wichtige Szenen des Films. „Wir kommen da an, und da begrüßen uns vor der Tür Leute mit Sektgläsern und rufen: Die Mauer ist auf“, erinnert sich Freihof, „und das Irre war, dass da plötzlich welche standen, die wir vor ein paar Wochen auf diversen Feten in den Westen verabschiedet hatten. Der erste Weg führte sie zu ihren alten Freunden.“ Gegen halb vier in der Früh sind sie zur Bornholmer Brücke gelaufen. Freihof genoss den Moment, in dem er ungehindert über den weißen Strich ging, aber dann kehrtmachte, weil er um zehn als Co-Regisseur an der Schauspielschule Ernst Busch ein Stück von Thomas Brasch proben musste – die Hälfte der Akteure tobte da allerdings noch über den Ku’damm. Und genoss das Coming out der DDR.

Der Film gehört zu den erfolgreichsten Export-Streifen der Defa, er erhielt auf der Berlinale 1990 den Silbernen Bären und zeigt bis heute, „wie sich Ost-Berlin und unser Lebensgefühl seither verändert haben“, sagt Matthias Freihof. Übrigens erhält er noch immer Briefe, in denen ganze Lebensgeschichten erzählt werden.

Der 48-Jährige tourt mit einem Konzertprogramm durchs Land, inszeniert und dreht gerade mit Doris Dörrie einen Film in Berlin. Am 9. November wird es im „International“ eine Party geben. Knut Elstermann moderiert und fragt die Stars von damals, was sie heute machen. Ein Spaß wird die Vorführung des Materials vom Original-Casting zu „Coming out“ aus dem Jahr 1988. „Ein Schmankerl“, sagt Freihof, schließlich sitzt er in Österreich am Telefon.

Kino International, Karl-Marx-Allee 3; 19.30 Uhr, Eintritt: 8 Euro. Im Filmtheater am Friedrichshain wird es eine Parallelvorführung geben. Mehr: www.yorck.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben