Mauerfall-Jubiläum : Die Liebe macht rüber in den Osten

Sie spazieren durch Berlin und wollen heiraten – da wird die Mauer durch ihr Leben gezogen. Gisela und Eberhard Iskraut finden zusammen, weil sie für ihn in den Osten geht. Eine wahre Geschichte.

Robert Ide
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Bilder einer Liebe. Gisela und Eberhard Iskraut blättern in ihrer Wohnung in Johannisthal in Erinnerungen. -Foto: Rückeis

Damals fragt er sie: Kannst Du Dir vorstellen, mich zu heiraten? Sie antwortet mit einem langen Schweigen.

Gisela und Eberhard kennen sich aus dem Sandkasten. Aber ein Tausend-Mal- berührt-tausend-Mal-ist-nichts-passiert- Ding ist ihre Liebe nicht; als Kinder übersehen sie sich noch auf den Wiesen von Frankfurt an der Oder. Auch danach kann eigentlich nichts passieren – Giselas Familie macht früh rüber in den Westen. Erst als beide in Berlin studieren, lernen sie sich richtig kennen in den Vorlesungen und im Studentenchor und beim Bratkartoffelnkochen und beim Baden im Schlachtensee in diesem heißen Sommer 1959. Er will Pfarrer werden in Brandenburg, auf sie wartet eine Stelle als Lehrerin in Nordrhein-Westfalen. Die Stadt und das Land sind geteilt, aber noch gegenseitig begehbar. Sie sind gerade frisch verliebt und schnell heimlich verlobt.

Damals fragt er sie: Kannst Du Dir vorstellen, mich zu heiraten?

„Uniformen waren mir immer unheimlich“, erzählt Eberhard Iskraut. Schwere schwarze Ledermäntel und stechende Stiefelschritte sieht er schon als Kind, als die Nazis seinen Vater abholen, der als evangelischer Pfarrer nicht hinterherlaufen will. Als später in der DDR auch die Volkspolizei im Gleichschritt anmarschiert, denkt Iskraut: Das ist doch das Gleiche in Grün. „Verlassen konnte und wollte ich die DDR trotzdem nicht“, erinnert er sich. „Schließlich brauchte mich meine Kirche hier am meisten.“

Als er sie trifft, bietet er ihr das Du an. Das ist in der Mensa beim Spinat. Ihre Großfamilien kennen sich ja schon lange, und nun hilft er ihr bei ihrem Gastsemester in Berlin. Ein Zimmer im Studentenwohnheim kann er ihr besorgen, und bald lernen sie sich besser kennen. Das geht nur am Tage, die Zeit damals ist so, und so fährt er jeden Abend nach Hause. Auf dem Weg von der Fakultät in Zehlendorf, wo sie ihn mal zum Essen auf ihr Zimmer einlädt, zurück zum Elternhaus in Potsdam muss er immer in Griebnitzsee anhalten und seinen Ausweis zeigen. Hier ist die Grenze.

„Mir fiel auf, dass er gut tanzte“, erzählt Gisela Iskraut. Schnell fasst sie Vertrauen, sie spazieren durch Berlin. Er besorgt Karten fürs Berliner Ensemble im Osten, sie tauscht Geld in den Wechselstuben des Westens. Sie sehen Brecht, gehen in die Oper, „aber der Inhalt der Stücke war mir eher wurscht“, erinnert sie sich und wendet sich jetzt an ihn.

Sie sitzen nebeneinander auf zwei Sesseln in ihrer Wohnung in Johannisthal, im Süden des Ostens von Berlin, hinter sich die Schrankwand mit den grün-kristallinen Weingläsern aus der DDR, vor sich das Fotoalbum: Gisela und Eberhard Iskraut, Eltern dreier Kinder, sie beide haben schon 70 Jahre erlebt, davon 50 gemeinsam. Jetzt wendet er sich auch ihr zu: „Dich hat wohl damals eher die Musik interessiert, was?“ Diesmal zögert sie nicht mit der Antwort: „Nein, Du.“

Nach seiner Frage hängt sie ein Semester dran in Berlin – zum Überlegen, wie das gehen soll mit ihr in einem Staat, der Spruchbänder hisst und der ihren zukünftigen Kindern (die will sie schon) das freie Denken abzuerziehen gedenkt. Einem Staat, dem ihr zukünftiger Mann (ja, auch ihn will sie) nur heimlich in Richtung Westen entschlüpft, wenn er seine eigene Verlobung feiern möchte bei ihrer Familie. Sie geht schließlich zurück nach Detmold, um ein wenig Geld zu verdienen, ein angehender Pfarrer im Osten hat ja nahezu nichts. Natürlich will sie wiederkommen, ihre Familie steht zu ihr auch in dieser Frage, das ist ihr wichtig. Als am 13. August 1961 die Mauer durch ihr Leben gezogen wird, ist sie gerade bei ihm in Potsdam, zufällig auf Besuch.

Sie hören die Nachricht nach dem Kirchgang, es ist ja Sonntag. „Jetzt gibt es bei mir den letzten Bohnenkaffee“, lädt ein Freund sie ein. Selbst wenn es bitter ist, noch einen Witz zu machen, das mag sie an den Ostdeutschen. Anschließend spazieren sie durch den leeren Park in Babelsberg, und aus einem Transistorradio, das jemand extra laut aufgedreht hat, klingt die Nachricht immer wieder herüber vom Rundfunk im Amerikanischen Sektor. Er denkt: „Nun sind wir ein Ostblockland.“ Und sie: „Das kann gar nicht so bleiben.“ Und er: „Wenn sie hierbleibt, kann sie niemals mehr zurück.“ Und sie: „Jetzt wird es ernst für uns.“

Sie fährt zurück zur Familie, um alles zu klären. An der Friedrichstraße darf er nicht mehr auf den Bahnsteig zum Winken. Er schreibt ihr einen Brief: Wenn Du jetzt sagst, unter diesen Umständen wage ich es nicht mehr, dann bin ich dir nicht böse. „An diesen Brief kann ich mich gar nicht mehr erinnern“, sagt sie heute und lacht. Für sie war längst alles klar, auch wenn manche Freundin fragte: Findest Du im Westen keinen Mann?

Alle Sachen für die Übersiedlung muss sie auflisten und genehmigen lassen: die 113 Bücher, die zwei Stück Schuhputzbürsten und das Rührsieb „Flotte Lotte“. Er meldet derweil bei sich zu Hause die Hochzeit an – Termin: 11. August 1962 in Babelsberg – und bescheidet den Ämtern, dass seine Frau keinen zusätzlichen Wohnraum benötige. Ein Auto soll sie mitbringen von drüben, die Kirche will es heimlich bezahlen – es braucht Landpfarrer, die nicht zwölf Jahre radelnd auf einen Trabant warten. Also lernt sie noch fahren, was ihr eine Qual ist, und kommt schließlich in einem gebrauchten VW hinüber zu ihm. Hinter der Grenze nimmt die Volkspolizei ihr einen Gesamtberliner Stadtplan ab und ein Tonband mit selbst gesungenen Chorliedern – das Abschiedsgeschenk ihrer Freundinnen. Sie muss weinen, so sehr, dass ein Wachmann ihrem Mann bei einem Besuch das Tonband heimlich zurückschenkt. Und ein anderer sie leise fragt: „Wenn Sie das Auto verkaufen wollen: Wie viel nehmen Sie?“ Sie antwortet lieber nichts.

Das Aufnahmelager in Blankenfelde nördlich von Ost-Berlin ist weiträumig umzäunt; die Lehrerin aus Detmold ist hier nicht allein. In Baracken sind gut 60 Menschen einquartiert, die sich in den Osten flüchteten aus Überzeugung, Langeweile oder aus Angst vor ihrer Vergangenheit. Nach einer Durchleuchtung wartet eine neue Staatsbürgerschaft auf sie und 1000 Ost-Mark, Begrüßungsgeld sozusagen. Manche werden auch wieder zurückgeschickt in den Westen. „Auf meinem Zimmer erzählte mir eine junge Mutter, dass sie schon zum dritten Mal hier sei“, berichtet Gisela Iskraut und schüttelt den Kopf. „Der gefiel es offenbar in dem Lager, es gab immer was zu essen und es waren genügend Männer da.“

Die Übersiedlerin aus Liebe soll unterschreiben, dass sie es im Adenauer-Regime nicht mehr aushalte. Sie tut das nicht. Ihr wird bedeutet, dass sie ohne Marxismus-Leninismus nicht als Lehrerin in der DDR arbeiten kann. Als sie von der Staatssicherheit über ihren Verlobten ausgefragt wird, sagt sie nur: Wir kennen uns schon aus dem Sandkasten.

Nach einer guten Woche darf sie fahren in die halbe Freiheit. Zur Hochzeit kommt die ganze Familie aus dem Westen. An der Grenze gleich hinterm Bahnhof Griebnitzsee wird sie abgeholt von den Ost-Verwandten. Mit Holzhandwagen bringen sie die Koffer nach Babelsberg – in denen sind auch Kartoffeln für das Hochzeitsmahl, weil bis zuletzt nicht klar ist, ob die staatliche Handelsorganisation welche liefern kann. Drei Tage lang poltern, tanzen und lachen sie. Ein Verwandter, der kein Geschenk weiß, dichtet: „Die Braut mit vollen Kästen/kam gerade aus dem Westen.“ Und aus Spaß bekommt sie noch ein 100-prozentig rotes Kleid verpasst, das ihr natürlich viel zu eng erscheint. Wie die halbe Freiheit kommt ihr das gar nicht vor.

Der Herr Pfarrer und seine Frau mit dem VW. So leben und arbeiten sie zunächst im Oderbruch, dann in Berlin-Johannisthal. Sie diskutieren in der Gemeinde, wie Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet werden, und boykottierten die Wahlen, die keine sind. Sie lernen andere Familien kennen, die sich ebenfalls aus Liebe für den Osten entschieden haben – manche schon vor dem Mauerbau (davon kennen sie etwa 20), einige danach (etwa sieben). Zu ihnen gehört Herlind Kasner, die Mutter von Angela Merkel ist ebenfalls in der Kirche engagiert. „Bei Frau Kasner habe ich im Missionshaus vier Jahre lang Englisch geübt“, erinnert sich Eberhard Iskraut. „Wir lernten damals, was LPG auf Englisch heißt.“ Mittlerweile hat er es vergessen.

Als ihre Mutter 1971 stirbt, darf Gisela Iskraut nicht zur Beerdigung nach Detmold. Nur mit Mühsal, Geschick und Bekanntschaften gelingt es ihnen, zwei Kinder zu adoptieren – die DDR will keine Staatssöhne an Wahlboykottierer geben. Aber bis heute bereut sie nichts: „Im Osten war mein Platz.“ Ihr fehlt damals nichts: Herzenswärme gibt es reichlich, und Apfelsinen – was ist an denen schon wichtig? Ihre Familie sieht das genauso, sie bestärkt und besucht sie. Parallel zur Beerdigung in Detmold gibt es eine Trauerfeier in Letschin im Oderbruch, zur gleichen Zeit mit der gleichen Musik. Ein Bruder aus dem Westen kommt, und 20 Leute aus dem Dorf.

In ihrem letzten Willen verfügt das Ehepaar Iskraut, dass im Falle ihres Todes die Kinder in den Westen gehen dürfen sollen – ein staatliches Heim wollen sie ihnen nicht zumuten. Und sich selbst kein verfallendes Pfarrhaus; im Falle ihres Ruhestands wollen sie in den Westen übersiedeln. Die Kinder haben schon das Datum ausgerechnet: 1999. Rückblickend sagt sie: „Ich habe die DDR als Gegebenheit akzeptiert.“ Und er ergänzt, während er sich zu ihrem Sessel hinwendet und ihren Arm sachte umfasst: „Akzeptiert ist das richtige Wort, ja.“

Wir bleiben hier. So äußern sich immer mehr Menschen, die endlich etwas ändern wollen, 1989 in der Kirche. An die Pfarrersfamilie Iskraut wenden sich auch Ausreisewillige; manchen raten sie, es sich noch einmal zu überlegen: Mögliche persönliche Probleme könne man nicht einfach dalassen. Diejenigen, die das Wir-bleiben-hier auf die Straße tragen und mit Kerzen ihr Land und die Welt verändern, die begleiten sie. Nur am 9. November 1989, als zwei wieder eins sein darf, sind sie nicht draußen, sondern bleiben zu Hause und packen ihre Koffer. Ein Geburtstag steht an in West- Berlin, und beide haben eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen für den nächsten Tag. Ein Zurück ist der Gang über die Grenze für sie nicht – auch nicht für Gisela, die einstige West-Ost-Übersiedlerin. „Ich fühlte mich nicht mehr als Westbürgerin, sondern als Deutsche aus der DDR“, sagt sie heute. Sie ist stolz darauf, dass auch all ihre Verwandten in Detmold das Oderbruch kennen. Mit ihrem Mann radelt sie immer noch gern durch diese ihre Heimat, nach mehr als 70 Jahren Leben, davon 50 gemeinsam.

Kannst Du Dir vorstellen, mich zu heiraten? So fragt er sie damals. Sie antwortet mit einem langen Schweigen. Um dann zu sagen: „Eigentlich ist alles klar.“

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