Mauerfalljubiläum : Der Domino-Effekt

Eine Mauer aus über 1000 bunt bemalten Styroporsteinen wird zum Mauerfalljubiläum umkippen. Zwei Jahre lang wurde die Aktion vorbereitet, nach wenigen Minuten ist sie schon wieder vorbei.

Patricia Hecht

Die Mauer wird fallen – und diesmal ist sogar absehbar, wann. Am Abend des 9. November werden entlang des ehemaligen Verlaufs der Berliner Mauer zwischen Potsdamer Platz und Reichstag mehr als 1000 überdimensionale Dominosteine umkippen. Etwa eine halbe Stunde, verteilt auf drei Etappen, wird der Fall der Mauer im Jahr 2009 dauern, von Fernsehkameras live in die Welt übertragen. Und die Szenen, die sich dabei vorm Brandenburger Tor abspielen, werden zwar geordneter sein als an den Tagen des Glücks vor 20 Jahren, aber doch an die Euphorie und den Freudentaumel erinnern, die die Menschen damals erfassten.

Das Umkippen der Dominosteine ist Teil des Fests der Freiheit, das am Jahrestag des Mauerfalls mit Staatsgästen, Zeitzeugen und tausenden Besuchern rund ums Brandenburger Tor gefeiert wird. Moritz van Dülmen, Geschäftsführer der Kulturprojekte Berlin GmbH, organisiert den Abend – und er hatte auch die Idee mit den Styroporsteinen. „Wir wollten eine symbolische Aktion, an der sich viele junge Leute beteiligen können“, sagt der 38-Jährige, der zuvor unter anderem für die Expo gearbeitet hat.

Das ist nun geschafft: 15 000 Menschen, die meisten zwischen 14 und 29 Jahre alt, haben die großen Klötze bunt bemalt. Mit Abdrücken vieler Hände, Bildern von Panzern auf der Frankfurter Allee, Friedenstauben oder auch mit dem Text von Marius Müller-Westernhagens Lied „Freiheit“: Schon am Wochenende sind die vielfältig gestalteten Klötze als eine Art Open-Air-Galerie am Brandenburger Tor zu sehen. Das Ganze ist das Ergebnis von zwei Jahren Arbeit: „Damals haben wir begonnen, mit Prototypen der Steine zu experimentieren“, sagt van Dülmen. Leicht genug mussten sie sein, damit sie ungefährlich sind, und schwer genug, damit sie nicht beim leisesten Windstoß umkippen. Herausgekommen sind schließlich rund zweieinhalb Meter hohe und mit Stoff bespannte Klötze aus Styropor – etwas niedriger, dafür etwas breiter als die echten Mauerteile. Mit einer Metallplatte werden sie über Nacht am Boden befestigt, am Montag werden 2000 freiwillige Helfer die Halterung kurz vor dem Fall lösen. Die Freiwilligen sind größtenteils Jugendliche, die die Steine beklebt, besprüht oder mit wasserfester Farbe bemalt haben. Seit März wurden die Klötze in Holzkisten nach Deutschland und in die Welt verschickt. 500 Schulklassen waren bei der Malaktion dabei, mehr als 200 Vereine und Privatpersonen haben sich übers Internet gemeldet, um einen Stein zu gestalten. Nelson Mandela, Václav Havel, Michail Gorbatschow und Muhammad Yunus waren darunter, gemalt wurde unter anderem in Prag, New York, Ramallah, Istanbul und Peking. „Jeder Stein erzählt eine Geschichte“, sagt Moritz van Dülmen. Zum Beispiel die der polnischen Widerstandsbewegung, die Schüler der Berliner Europaschule auf ihren Stein gemalt haben – im Beisein des polnischen Friedensnobelpreisträgers Lech Walesa. Oder die Geschichte von Staaten, die noch immer von Mauern geteilt sind: So schickte das Goethe-Institut 30 Steine in die Welt. Nach Mexiko etwa, wo der Grenzzaun zu den USA steht, oder nach Zypern, wo der Dominostein von Künstlern aus beiden Landesteilen bemalt wurde.

In den vergangenen Wochen traf ein Styroporriese nach dem anderen wieder in der Kreuzberger Lagerhalle ein. „Es war sehr schön zu sehen, wie es immer mehr wurden“, sagt van Dülmen. Weil es nun so viele Steine sind, werden einige auch vom Startpunkt in Richtung Schiffbauerdamm fallen (siehe Grafik). Ab dem morgigen Sonnabend wird die Open- Air-Galerie entlang der Strecke aufgebaut sein; kleine Schilder erzählen die Geschichten der Steine und ihrer Maler. Am Abend des 9. November schließlich wird Lech Walesa die Reihe von der einen Seite aus und Jugendliche aus Berlin von der anderen aus anstoßen. „Dann“, sagt Moritz van Dülmen, „führen viele kleine Einzelschritte wie damals zum Fall.“

Ab 7. November, Dominogalerie zwischen Potsdamer Platz und Reichstag. Das Vorprogramm zur Domino-Aktion beginnt am Montag, 17 Uhr, bei freiem Eintritt. Mehr Informationen unter Adresse www.mauerfall09.de.

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