Mauergedenken : Grenzspringer als Plastik – aus Plastik

Das Foto des über den Stacheldraht in die Freiheit springenden DDR-Grenzsoldaten ging um die Welt. Nun wollen drei Freunde die berühmte Aufnahme zur Skulptur machen.

Lothar Heinke
Mauerspringer
Ein Modell für die Skulptur gibt es schon. -Foto: Uwe Steinert

Das berühmte Foto von dem Volkspolizisten, der kurz nach dem Mauerbau an der Bernauer Straße in Uniform, mit Stahlhelm und Gewehr über den Stacheldraht in den Westen springt, soll die Vorlage für eine meterhohe Skulptur an diesem Ort werden. Die Brüder Michael und Florian Brauer – Plastiker, Bootsbauer und Handwerker – und ihr Bildhauer-Freund Edward Anders hatten die Idee zu dieser, wie sie sagen, „volkstümlichen Sache“. Bei der geplanten Neugestaltung des Gedenkareals entlang der Bernauer Straße sind unter anderem Stelen als Informationsträger vorgesehen – „das mag ja gut und schön sein“, sagt Michael Brauer, „aber der Mensch weiß wenig damit anzufangen. Was wir brauchen, ist ein Aha!-Effekt!“ Das Foto, das am 15. August von Peter Leibing geschossen wurde und das den 1998 durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Conrad Schumann beim Sprung in die Freiheit zeigt, gehört zu den zehn berühmtesten Zeitzeugenaufnahmen der Welt. „Wir haben es einfach in ein Kunstobjekt verwandelt. Die Skulptur könnte am Ende des Grenzweges an der Bernauer Straße Ecke Schwedter Straße stehen“, findet Michael Brauer, „und wenn der Bus mit den Touristen wendet, dann sehen sie diese Plastik zum Schluss ihres Besuchs, steigen aus, fotografieren, und haben mehr davon als eine nackte Stele, die eigentlich wenig sagt. Es ist eben eine sehr volkstümliche Sache, das Denkmal einer ganz konkret passierten Geschichte.“

Die drei Ost-Berliner stellen sich ihre Plastik, von der es schon ein kleines Modell gibt, auf einem Sockel vor, der aus der Erde ragt, der Stacheldraht-Springer könnte aus Kunststoff bestehen und drei Meter hoch sein, „meinetwegen auch zehn“, sagt der Bootsbauer, „wir wollen dem Senat nur mal einen Ball zuwerfen, vielleicht fängt er ihn auf.“

Rainer Klemke, der in der Senatskulturverwaltung für das Gedenkstättenkonzept zuständig ist, findet es bewundernswert, wie sich die Leute für das Gedenken an der Mauer interessieren und engagieren. Da sei jede Idee willkommen, aber sie müsse ins Konzept passen. Die Gewinner des Gestaltungswettbewerbs sollten überlegen, ob und wie sie die Idee mit dem Denkmal verwerten könnten, „allerdings sind in Plastik gegossene Zinnsoldaten ebenso problematisch wie Anklänge an den sozialistischen Realismus“. Michael Brauer sieht das etwas anders, nämlich als ein Symbol für den Aufbruch. „Und Touristen aus Mexiko oder aus der Mongolei sind doch unsere theoretischen Kunstbegriffe vollkommen egal, sie brauchen einen Aha!-Effekt fürs Foto. Eben so etwas wie den Mauerspringer.“

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