Stadtleben : Mauern umpusten

Künstlerin Eun Sook Lee baut die Grenze wieder auf Die Koreanerin will auf die Teilung ihrer Heimat aufmerksam machen

Ute Zauft

Sie hat eine Mauer gebaut, die so leicht ist, dass der Wind sie wegwehen könnte. Damit will sie ein Zeichen setzen, dass keine Mauer von Dauer sein muss. Die Künstlerin EunSook Lee stammt aus Korea, einem Land, das noch immer von Beton und Stacheldraht in zwei Teile geteilt wird. Bis zum 9. November stehen 22 Meter der von ihr entworfenen Mauer aus leuchtender Plastikfolie vor dem Brandenburger Tor. „An der Nahtstelle des bis 1990 geteilten Deutschland“, wie sie es nennt.

Die aus Südkorea stammende Lee wünscht sich die Wiedervereinigung ihrer Heimat, so wie sie in Deutschland geschehen ist. Die von ihr gebastelten Mauerstücke überragen die schmale Künstlerin um mehr als das Doppelte. Die Endvierzigerin hat sie aus durchsichtigem Kunststoff zusammengefügt. Von Innen wird die Folie mit Schwarzlicht angestrahlt, so dass die eingearbeiteten Fäden und Stoffstücke in Neon-Orange, -Grün und -Pink leuchten. Dazwischen tauchen koreanische Schriftzeichen auf: Lee hat in die laminierten Kunststoffbahnen auch die Namen von 5000 Koreanern eingefügt, deren Familien durch die Mauer getrennt wurden. Darunter findet sich der Name ihres 93-jährigen Vaters. Lee wünscht sich die Wiedervereinigung des seit 60 Jahren geteilten Koreas vor allem für ihn. Vor ungefähr 55 Jahren floh er aus dem kommunistischen Nordkorea in den Süden und hat seitdem seine vier ältesten Kinder – Lees Halbgeschwister – nicht mehr gesehen. Er weiß nicht einmal, ob sie noch leben oder ob sie überhaupt von ihm wissen.

Auf die Geschichte ihes Vaters ist Lee erst vor zwei Jahren gestoßen. Damals sprach sie zum ersten Mal mit ihm über ihre Idee, mit einer Aktion „Vanished Berlin Wall“ auf die Teilung ihrer Heimat aufmerksam zu machen. Sie wusste zwar schon, dass er geflohen war. Dass er dort Frau und vier Kinder zurückgelassen hatte, erfuhr sie erst dann. Seitdem ist sie dazu entschlossen, dass ihr Vater noch einmal ihre Halbgeschwister sehen soll. Im Sommer 2006 verbrachte sie zwei Wochen auf dem Jungfernsee bei Potsdam. Zwei auf ihrem Floß montierte Halbkugeln aus Stahl und Folien symbolisierten die Landeshälften Koreas.

Sie will internationale Aufmerksamkeit für die Teilung ihres Landes. „Viele Deutsche wissen zwar, dass Korea geteilt ist, aber nicht, dass weder Telefonate noch Briefkontakte möglich sind“, sagt Lee. Zehn Millionen Familien seien durch die Mauer getrennt.Vor allem hofft sie auf einen Besuch des südkoreanischen Botschafters an ihrer Mauer, denn wenn jemand ein Treffen ihrer Familie veranlassen kann, dann die politischen Entscheidungsträger. An den nordkoreanischen Botschafter hat sie eine Email geschrieben, aber bisher keine Antwort beko.men.

„Dummheit macht mutig“, sagt Lee und lacht.Eine ihrer Zeichnungen zeigt das Brandeburger Tor, davor ein langes Stück Mauer, daneben ein Zelt mit einem Strichmännchen. Eigentlich wollte sie vor dem Brandeburger Tor campen und die Mauer Stück für Stück aufbauen. Das wurde nicht genehmigt. Wäre auch die einwöchige Aktion nicht genehmigt geworden, hätte sie Menschen in Kunststoffbahnen gehüllt und als laufende Mauerstücke vors Brandenburger Tor geschickt. „Menschen hätte man nicht verbieten können.“

Die Kunstaktion ist quasi ein Familienprojekt. Finanziert wird es von ihrer Familie in Südkorea, vor allem von ihrem kürzlich an Krebs erkrankten Bruder. Nach der Aktion will sie die Mauerstücke verkaufen. Früher sei ihr Vater immer negativ gegenüber ihrer Kunst eingestellt gewesen. Heirate und bekomm’ Kinder, habe er gesagt. „Jetzt wäre ich für Papa ein Engel, wenn es klappt.“

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