Meine 7 Sommersachen : Alles wird Hut

Was wäre ein Sommer ohne … Sonnenschutz? Doch Stroh ist nicht gleich Stroh. Was ist praktisch, leicht und weich? Sisal oder eher Seegras? Modistin Katharina Sigwart kennt das einzig Wahre: Hanf.

Susanne Leimstoll
Hüte Hut
Nicht strohig. Die Berliner Hutmacherin Katharina Sigwart in ihrem Hutgeschäft in den Kunsthöfen . -Foto: Spiekermann-Klaas

BerlinDer Trend geht zum Handtaschenhut. Nein, nicht: Beutel auf den Kopf. Es handelt sich um einen Hut, den man unkompliziert mitführen kann. Der nicht im Weg ist, wenn man ihn absetzt, nicht platt, wenn man sich draufsetzt und der nicht rumzickt, wenn man ihn zusammenwurstelt. Ein Gebrauchshut, denn wir reden ja vom Sonnenhut. Im Gegensatz zum Anlasshut, der macht so was nicht mit. Und wenn der Handtaschenhut dann auch noch ein Strohhut sein soll, also der superpraktische Sonnenschutz schlechthin, benötigt er noch eine Kleinigkeit: eine richtig gute Modistin. Eine mit dem richtigen Kniff, damit er beim Auf und Ab an keiner Stelle bricht. Eine, die das beste Material kennt. Denn: "Stroh ist nicht gleich Stroh."

Sagt Katharina Sigwart, 45, seit 1993 Hutmacherin in Berlin. Sie kann, wenn man sie fragt, alles über Stroh erzählen und gleichzeitig beinahe jede Gattung verarbeitet herzeigen: als fertiges Modell. Alles, was sich auf ihren Regalen reiht, könnten ihre schlanken Einsfünfundsiebzig tragen. Doch heute hat sie das braune, schulterlange Haar zur "Banane" gesteckt - keine Hutfrisur. Da tut es ein delikates Teilchen. Schräg überm linken Ohr entfaltet sich eine Blüte mit Schleier, passend zum hellen Kleid mit rosé Muster. "Fascinators" heißen solche Aufhübscher für den Kopf. Ein Trend, der einem alten Handwerk gut tut. Eine Ascot-reife Gesellschaft umgibt die Hutmacherin in ihrem Geschäft: weiße Damengesichter auf Kunststoff-Schwanenhälsen, jedes behütet von einem Sigwart-Modell, kleine Kappen, Nostalgisches im Zwanziger-Jahre-Stil, Breitkrempiges mit viel Bohei am Band. Links defilieren Köpfe von Kerlen mit Chapeau, die die Sonne lässig wegstecken würden.

Die Modistin aus Mitte kennt die Finessen der Faser. Was bricht leicht? Panamastroh, sagt sie. Der Kniff am Herrenhut vorne, die Falte, die Mann zwischen die Finger klemmt, ist die neuralgische Stelle. Oder Sisal, ein Agavenprodukt: leicht, aber eher was für gesteifte Modelle zum eleganten Auftritt. Sigwarts Tipp für den Alltagsstrohhut ist: Hanf. Leicht und strapazierfähig, langfaserig. Als Hut etwas dichter verarbeitet. Wenn er vor Sonne schützen soll: bloß keine großen Löcher. Lässig sitzen muss er, damit die Hitze sich nicht drunter staut. Preislich günstiger ist nur Paper-Stroh aus Zellulosefaser: weich und verformbar, was für kleine, schlichtere Formen.

Von den Stroh gewordenen Raritäten darf man im Alltag nur schwärmen. Von Buntal, der Adeligen aus Südostasien: seidiger Glanz, teuer, die Rohlinge meisterhaft geflochten. Produkt einer Handwerkskunst, die ausstirbt. Oder Mottled aus feinen Borten, edel und doch geeignet für den robusten Gartenhut. Vielleicht noch grau-grünes Seegras mit seinem hübschen Flechtmuster. Die Stücke trocknen nass auf die Form gezogen.

Nach links drei Stufen hoch geht es in Katharina Sigwarts Atelier mit Regalbrettern voller Holzköpfe, Rahmen und Spangen, viele Randformen aus Linde. Einen Großteil hat sie von ihrer Mutter geerbt, die ebenfalls Modistin war. "Erst hab' ich Kunstgeschichte studiert, aber dann schlugen eben doch die Gene zu", sagt die Tochter. Sie braucht das eben, mit den Händen zu arbeiten. Sie hat gerne mit Gesichtern zu tun. "Ein Hut ist eine Skulptur für sich." Der entsteht an ihrer alten Modisten-Nähmaschine und an einem Dampfapparat, so handlich wie ein Reisebügeleisen. Hinter Vorhängen verbirgt sich ein Universum von Materialien, importiert aus Italien, Frankreich, der Schweiz. Stroh und Haarfilzstumpen, Federn, Blumen, Bänder aus Manufakturen, die in der Branche Geheimtipps sind. Jedes Fach eine Schatzkiste voller Unikate. Katharina Sigwart denkt nicht daran, die Fundorte zu verraten. "Modisten", sagt sie, "sind kleine Goldgräber."

Katharina Sigwart, Hüte und Accessoires; Oranienburger Str. 27, Mitte (im Kunsthof). Tel. 28 38 45 95. 12-19, Sa. 12-18 Uhr. www.katharina-sigwart.de

In der nächsten Folge am Freitag, 7. August, geht es um Taucherbrille und Schnorchel.

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