Meine 7 Sommersachen : Aufhängen zum Abhängen

Was wäre ein Sommer ohne . . . Hängematte? Das Ding aus Lateinamerika ist Symbol für Entspannung, Liege für Lebenskünstler. Benjamin Meier befasst sich mit ihr seit Jahren – das ist sein Job.

Anna Sauerbrey,Susanne Leimstoll
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Kuscheln auf Mexikanisch. Dieses Netzwerk kann man auch knüpfen, wenn keine zwei Bäume in der Nähe sind. Foto: Doris...

Gemütlich kann so einfach sein: eine stabile Bahn Stoff oder ein Netz zwischen zwei Bäume gespannt – fertig ist die Hängematte. Doch was tun, wenn man keine zwei Bäume besitzt? Oder zwei stabile Wände, in die man Dübel und Haken treiben kann? Was, wenn man Wertarbeit will und bei der Hängematten-Suche im Internet vor der Frage steht: mexikanisch oder brasilianisch? Welche Sorte trägt 120 Kilo Lebendgewicht oder hält vielleicht sogar eine fünfköpfige Familie aus?

Das weiß ein Fachmann wie Benjamin Meier, 27, Hängemattenspezialist, zu finden mitten im Kreuzberger Multikulti-Kiez, etwas abseits im Hof eines Orientladens in der Bergmannstraße, in dem sich Brokatkissen zimmerfüllend türmen. Hängematten sind hier eindeutig die Randgruppe, sie belegen, klein zusammengerollt, ein Regal: viele bunte Bündel. Meier, ein sportlicher Typ mit Ratzekahlfrisur, arbeitet seit sieben Jahren für ein Versandunternehmen, das als Shop-in-Shop auch in Kreuzberg sitzt. „À la Siesta“ vertreibt im Fair-Trade-Handel unter anderem Hängematten. Und Meier kennt Antworten auf mehr als die FAQs.

Da wäre die Typfrage. Sie bezieht sich auf beide: Matte und Mensch. Eher mexikanisch oder brasilianisch? Mexikanische Hängematten sind aus Baumwollfäden geknüpfte Netze, brasilianische Hängematten sind Tuchflächen. „Der typische Deutsche fühlt sich im Netz nicht so gut aufgehoben“, sagt Meier. Ältere Kunden griffen eher zur kompakten Tuchhängematte, die stabiler wirkt, es aber gar nicht ist. Denn mexikanische tragen in ihrer kleinsten Version – 3,80 Meter lang und 1,20 Meter breit – 300 Kilo, brasilianische nur 120. In der größten mexikanischen kann man – falls die Bäume stark genug sind – 900 Kilo oder eine fünfköpfige Familie schaukeln, in der brasilianischen gerade mal 300 Kilo. So viel zum Thema grundsolide. Herr Meier hat sich eine Typologie gestrickt und weiß nun: „Die mexikanische wird von offenen Menschen besonders häufig gewählt.“ Dies nicht nur, weil man schön durchgucken kann, das Netz sei so bequem, weil es sich dem Körper des Liegenden anpasst.

Gefertigt werden diese Netze vor allem auf der Halbinsel Yucatan. Ganze Familien, ja komplette Dörfer leben von dem Handwerk und Export. Mehrere Tage arbeiten ein Mexikaner oder seine Frau an einer Matte, verarbeiten bis zu 5000 Meter Faden pro Werkstück. Würde nur eine Farbe verwendet, reichten zwei Knoten – einer am Anfang, einer am Ende aus, denn es wird nicht wirklich geknüpft, sondern geflochten. Da Mexikaner es aber bunt lieben und Gelb mit Grün und Rot und Blau kombinieren, müssen ein paar Knötchen sein, die aber keineswegs beim Liegen drücken. Das erzählt einem Benjamin Meier und mehr. Denn da wäre die Größenfrage. Fünf verschiedene sind zu haben, Kostenpunkt: 49 bis 129 Euro. Welche die richtige ist? Ausprobieren. Am besten liegt es sich nämlich diagonal, von Eck zu Eck, das vermeidet eine bucklige Liegehaltung. Wichtig ist also, wie breit die Matte ist.

Und schließlich: die Aufhängung. Die funktioniert nicht nur im Garten von Baum zu Baum, sondern auch in der Wohnung. Bröckelige Altbauwände oder Rigips sind nichts für größeres Gewicht, da muss man sich schon für 220 bis 280 Euro ein Holzgestell zur Matte zulegen. Das fertigt zum Beispiel eine kleine österreichische Schreinerei. „Eschenholz, glatt, lasiert“, sagt Meier. Der Träger ist zusammenklappbar und weniger unhandlich als er aussieht, er wiegt 20 Kilo. Allerdings ist damit ein  Vorteil der Hängematte dahin: dass sie sich jederzeit aus dem Weg schaffen lässt.

Wer sich jetzt noch immer nicht sicher ist, ob er sich ein eigenes Schaukeltuch zulegen soll, kann bei Herrn Meier auch eine Matte mieten – ab 10 Euro pro Tag.

Er selbst hat sich übrigens längst auf einen Typ festgelegt und hat seine Schöne zu Hause drapiert. Nach einem anstrengenden Arbeitstag ist Kuscheln auf Mexikanisch für ihn das Größte. Er hängt sie sich auf zum Abhängen oder zum Fernsehen. Und manchmal gönnt er sie auch seinen Besuchern: als zusätzliches Sofa.

„Bella Casa“, Bergmannstraße 101, Kreuzberg oder www.bcasa.de

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