Messe : Wie die eigene Westerntasche

Im Postbahnhof findet die größte Country-Messe Europas statt. Es geht um mehr als nur Cowboystiefel und fiese Fuchsschwänze.

Elena Senft
Country-Messe
Willkommen im Club der Vollbärte, Sheriffsterne und Lederwesten. -Foto: Spiekermann-Klaas

Dies ist keine Messe, zu der Leute einfach nur kommen, um sich ein bisschen an den Ständen herumzudrücken. Bei wahrscheinlich keiner anderen Messe identifizieren sich die Gäste so sehr mit dem Ausstellungsgegenstand wie auf der Country Music Messe, die an diesem Wochenende im Postbahnhof in Friedrichshain stattfindet. Und zu allererst bemerkt man dies daran, dass die Besucher hier fast ausnahmslos ein Kleidungsstück kultivieren, das sich in den letzten Jahren außer bei Taxifahrern und in Stammtischkneipen ins modische Orbit geschossen hat: die Herren-Leder-Weste. Mit mangelndem Modebewusstsein hat das nichts zu tun, im Gegenteil: Das Outfit verkörpert Modebewusstsein, Musikbewusstsein, ein Lebensgefühl. Es verkörpert Country. Es ist in Wirklichkeit eine Lifestyle-Messe.

Hier sind die Westen beige, haben Fransen und Sheriff-Sterne. Ihre Besitzer haben Gürtel mit Adler-Schnallen, Stiefel, lange Haare unter Cowboyhüten und Frauen im Arm, die mit Strass verzierte Nietenjeans tragen. Gemeinsam schlendern sie an Ständen vorbei, an denen man Pferdesättel einfetten darf, Fuchsschwänze, Stiefel und Hüte kaufen kann und die Mitglieder von Nachwuchsbands sich mit Vornamen vorstellen. Und das alles ohne karnevaleske Stimmung oder das leiseste Gefühl, verkleidet zu sein.

Und wenn man durch die Live-Musik von Bands, die „Roland Heinrich und die Rumtreiber“ heißen, nicht zu abgelenkt ist, kann man Fachgespräche hören, die ihresgleichen suchen: Manuela möchte ihrem Mann silberne Metallaufsätze für seine Cowboystiefel schenken, da diese so spitz sind, dass er ständig irgendwo anstößt und das Leder beschädigt. Die Frage, ob zur Befestigung der Aufsätze die Nagel- oder die Schraubmethode angebrachter sei, um die Randnähte der Stiefel nicht zu durchtrennen, bietet Diskussionsbedarf.

Natürlich gibt es auf der Country-Musik-Messe den vom Bundesverband für Country & Westerntanz angebotenen obligatorischen Square-Dance-Kurs, in dem die Teilnehmer standesgemäß die Daumen in den Hosentaschen verankert haben. Trotzdem geht es um mehr als das Cowboy-Klischee, denn es muss einen Grund jenseits von Hüten und Sporen dafür geben, dass der Deutsche Country & Western Dachverband e.V. mehr als 1800 Adressen von Country-Vereinen in Deutschland kennt.

Es geht um Zusammengehörigkeit, um Verbundenheit mit der Natur und die Treue zur Heimat. „Und bei den Anhängern jeder anderen Musikrichtung gibt es irgendwann mal Stress, nur nicht in der Country-Szene!“, sagt Hardy bei einem Plastikbecher Bier. „Schon mal gehört, dass zwei Country-Fans sich die Köpfe eingeschlagen haben?“ Country ist Friedfertigkeit, Einfachheit, Bodenständigkeit, auch immer ein bisschen Sehnsucht. Country riecht nach Leder und Nostalgie. Und nach Gemeinsamkeit und Standfestigkeit in einem Lebensgefühl, das oft belächelt wird.

Die Eröffnungsansprache der Messe hält eine Frau mit zwei geflochtenen Zöpfen, in Minirock und Cowboystiefeln. Sie spricht hier nicht von der 13. Country Music Messe. Sie sagt: „So ihr Lieben. Willkommen zu unserem jährlichen Familientreffen.“

13. Country Music Messe, am heutigen Sonntag geöffnet von 10 Uhr bis 19 Uhr, Eintritt: 9 Euro, Postbahnhof, Straße der Pariser Kommune 8, Friedrichshain.

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