Messe "You" : Garantiert kein Kinderkram

Auf der Messe „You“ unterm Funkturm treffen Jugendliche auf Showstars und hunderte Unternehmen. Warum eigentlich?

Sebastian Leber
You
Im Dreieck gesprungen. Die Tanztruppe "Flying Steps" zeigte Breakdance auf der "You". -Foto: Christian Schroth

Die Mitarbeiter von Debeka und Victoria tragen die schicksten Anzüge weit und breit. Und sie lächeln so freundlich. Trotzdem stehen die Herren ziemlich alleine an ihren Ständen: Nebenan hat Media Markt eine Kletterwand aufgebaut. Die interessiert die Jugendlichen heute mehr als die Berufsperspektiven in der Versicherungsbranche.

So viele Unternehmen, Verbände und Innungen waren noch nie auf der Jugendmesse „You“ vertreten. 175 Aussteller sind es insgesamt. Manche informieren über Ausbildungs- und Karrierechancen, andere stellen neue Produkte vor. Und das immer möglichst spektakulär. Die Borsig GmbH veranstaltet eine Modenschau und zeigt, welche Schutzkleidung ein Schlosser tragen muss. Die Druckbranche schickt ihren attraktivsten Vertreter auf die Bühne, der hat angeblich sogar eine „Mr. Germany“-Wahl gewonnen. Der Stand der Bundeswehr ist besonders beliebt. Da werden MP3-Player verlost.

170 000 Jugendliche erwarten die Veranstalter von „Europas größter Jugendmesse“ bis zum Finale am Sonntag. Die Besucher können sich mit Sport- und Computerspielen vergnügen. Und allerhand gratis abgreifen: Beim Müller-Stand gibt es Orangensaft, die Firma Durex verteilt kostenlose Kondome. Es gibt auch blaue T-Shirts, „Sexgott“ steht drauf. Das kann man albern finden. Aber hier geht es nicht um Kinderkram, sondern um frühzeitige Markenbindung. Der Projektmanager der You erklärt das so: Wer nicht schon die 12- und 13-jährigen Jugendlichen an seine Marke gewöhne, müsse wenige Jahre später die fünffache Summe für denselben Effekt ausgeben. Deshalb sind sie alle da: Tampon- und Handyhersteller, die Telekom, Lakritzproduzenten, Kinobetreiber, Radiosender. Die Postbank hat ein Glücksrad mitgebracht, wer gewinnt, bekommt einen knallgelben Fußball.

Was für die Unternehmen gilt, trifft natürlich auch auf Parteien zu: Die Jugendorganisation der Grünen ist mit einem Stand vertreten, nicht weit entfernt auch die Linkspartei. Da liegen Broschüren mit der Aufschrift „Ausbildung für alle, sonst gibt’s Krawalle“. Und Masken von Rosa Luxemburg, die kann man sich vors Gesicht spannen. Gregor Gysi ist auch kurz da, er schüttelt ein paar Hände und muss dann schnell weiter. Am Sonnabend kommt Petra Pau. Die hat mehr Zeit, heißt es.

Auf den zahlreichen Bühnen treten Bands mit Namen wie Hit Squat Project oder Chat A Nuga auf. Man weiß nicht, in welcher Castingshow-Staffel die mitgemacht haben, aber es sind einige Mädchen da, die ihnen zukreischen. Die großen Namen kommen erst noch: am Sonnabend Samy Deluxe und Azad, am Sonntag Mark Medlock und die No Angels.

Ein Stockwerk höher herrscht angenehme Stille. In der „Lehrer-Lounge“können sich die Pädagogen erholen, während ihre Schulklassen durch die Hallen ziehen. Ein Türsteher verhindert, dass hier Jugendliche reinkommen, es gibt kostenlose Brezeln. Und informative Vorträge, etwa zum Thema „Trendziele für Klassenfahrten“. Schwer angesagt sei gerade Dublin. Weil: gute Fluganbindung, viele Sehenswürdigkeiten, überschaubarer als London. Auch hier geht es ums Geschäft: Den Vortrag halten Mitarbeiter von „Herolé Reisen“, die Firma hat zufällig auch Dublin im Programm. Danach verrät Gedächtnistrainer Franz-Josef Schumeckers den Lehrern, wie man in Bildern denkt. Zum Beispiel könne man sich die Namen der letzten Bundespräsidenten merken, indem man an Körperteile denkt: „Als ich meine Schulter herzog, war meine Stimme ganz rau.Und mit dem Mund küsste ich einen Köter. Also Köhler, meine ich damit.“

Währenddessen entwickelt sich unten der Stand von „Help“ zum Publikumsrenner. Die Antiraucher-Initiative gibt Tipps, wie man vom Nikotin loskommt. Und hat ein Gerät, das misst, wie viel gesundheitsschädliches Kohlenmonoxid man in der Lunge hat. Eine echt gute Sache also, und die Schlange vorm Stand ist lang. Leider möchten die wenigsten wirklich mit dem Rauchen aufhören, sagt die Mitarbeiterin. Die Jugendlichen wollen bloß wissen, wie hoch ihr Kohlenmonoxid-Wert ist. und sich gegenseitig damit überbieten.

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