Met-Ausstellung : Kunst im Plauderton

In der Nationalgalerie helfen „Livespeaker“ den Besuchern beim Verständnis der schönsten Franzosen.

Alexander Schäfer
Met
Villers "Zeichnende junge Frau": Nun auch mit "Speaker" zu sehen.Foto: dpa

„Frag mich! Ask me!“, fordert ein Button auf dem blau-weiß-rot-gestreiften T-Shirt. „Livespeaker“ steht auf Bauchhöhe. Susanne Wartenberg (22) aber wartet nicht, bis man sie fragt. „Benötigen Sie Infomaterial?“, spricht sie eine Besucherin an, die vor dem Eingang der Neuen Nationalgalerie steht. Die Studentin ist heute auf der Terrasse des Mies-van-der-Rohe-Gebäudes eingesetzt. Susanne Wartenberg und eine Kollegin verteilen Flyer an noch Unentschlossene, geben erste Auskünfte zu den Werken oder informieren über den Ablauf der Ausstellung. „Sie warten momentan eine gute halbe Stunde vor dem Kassenhäuschen“, klärt Wartenberg etwa einen älteren Mann auf, der unruhig vor dem Kassencontainer ansteht. Rund 50 000 Besucher hat die Nationalgalerie seit der Eröffnung am 1. Juni bereits gezählt.

Doch die eigentliche Arbeit findet drinnen in der Ausstellung „Die schönsten Franzosen kommen aus New York“ statt. Und vor allem am Wochenende. Freitags bis sonntags stehen zusätzlich acht Livespeaker in den Ausstellungsräumen bereit, um von den Besuchern angesprochen zu werden. Der Service ist kostenlos. „Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Monet und Manet?“, ist eine der meistgestellten Fragen, die Melanie Baumgärtner zu hören bekommt. Jeder Livespeaker ist Spezialist für bestimmte Künstler. Melanie Baumgärtner betreut die beiden französischen Impressionisten, „die eigentlich nur vom Namen her ähnlich sind“. Monet, der Tupfende, Manet, der Altmeisterlichere. Die 27-Jährige hat zahlreiche Erfahrungen als Livespeaker durch die Vorgängerausstellungen „Goya“, „Der private Picasso“ oder die „Melancholie“-Ausstellung.

„Fast alle Livespeaker studieren Kunstgeschichte“, erklärt Lutz Driever, Koordinator der Livespeaker und Mitarbeiter beim Verein der Freunde der Nationalgalerie. Weil Kunstgeschichte überwiegend von Frauen studiert wird, sind auch nur zwei der 20 Livespeaker männlich. Kunsterklärer gibt es in Berlin seit der MoMA-Ausstellung vor drei Jahren. Damals waren die „MoMAnizer“ beim Publikum beliebt. Für die Jobs während der Franzosen-Show haben sich über 300 Kunstinteressierte beworben, auch aus Österreich und der Schweiz. Sie plaudern mit den Besuchern in zwei Schichten jeweils vier bis fünf Stunden über Kunst.

„Mit Livespeakern kommt man besser als bei klassischen Führungen ins Gespräch“, sagt Besucherin Doris Conrads aus Marburg. Die 58-Jährige findet die kunstvermittelnden Menschen mit den Trikolore-T-Shirts so schön, dass sie sie gleich fotografiert. „Wir kommen mit unseren Besuchern schnell ins Philosophieren“, sagt Susanne Wartenberg. Sie ist meistens für die Plastiken von Rodin zuständig. Die biblisch-mythischen Darstellungen reizen zu Diskussionen. „Oft debattieren die Besucher, ob der Sündenfall gut oder schlecht war.“ Die Museumsgänger sähen die Bilder nach den Gesprächen mit anderen Augen. So wundern sich die Besucher hinterher nicht mehr, dass Rodins Eva aus dem Paradies gar keinen Apfel hält und mit Adam ohne Feigenblatt schlangenlos abgebildet ist. Die Figuren würden so menschlicher erscheinen, der Ausdruck des Schmerzes werde größer. (Alexander Schäfer )

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