Stadtleben : Mikrowellen gegen Lyctus

Das Bode-Museum hat mit Schädlingen zu kämpfen: Sie kamen aus dem Parkett Bis Ende April bleibt ein Drittel der Ausstellungsfläche gesperrt

Thomas Loy

Riemenschneider ist weg. Sein Name steht noch an der Wand des Sammlungssaales 212, aber die Skulpturen des berühmten Schnitzmeisters sind verschwunden. Rechts stehen ein paar Stelen, zusammengeschoben, aus der Wand ragt ein leeres Podest. Die heilige Ordnung des Bode-Museums ist schwer gestört. Schuld ist ein Käfer, „Lyctus“ nennen ihn die Biologen, der Volksmund sagt: Parkettkäfer.

Rund zwei Drittel des Obergeschosses sind gesperrt. Betroffen sind die Münzsäle, Skulpturensammlungen aus Frankreich, Italien, den Niederlanden und Deutschland und das Tiepolo-Kabinett. Der Eintritt ist um die Hälfte reduziert. Bis Ende April sollen die Sanierungsarbeiten abgeschlossen sein.

Vom Käfer befallen seien nur zehn Prozent der rund 1100 Quadratmeter Parkettfläche, erklärt Museumsdirektor Bernd Lindemann, oft nur ein paar Quadratmeter pro Saal, aber wegen der wertvollen Kunst wurden die betroffenen Flächen weiträumig abgeschirmt. Die Holzskulpturen werden nun acht Wochen lang in Zelten mit Stickstoff behandelt. Das würde den Käfer töten, wenn er sich denn eingenistet hätte. Hat er aber nicht, sagt Chefrestaurator Bodo Buczynski. „Das ist reine Prophylaxe“. Uraltes Holz aus der Renaissance gehört nicht zum Speiseplan der Käfer.

Dann schon eher frisches Eichenparkett, vor zwei Jahren verlegt, inklusive Käferlarven. Die ließen sich erst dingfest machen, so Buczynski, nachdem sie das Holz zum Hochzeitsflug verlassen hatten. Das Parkett wird nun mit Mikrowellen auf 60 Grad erhitzt, dabei sollen der Käfer und seine Brut absterben. Große stählerne Trichter fahren wie Rasenmäher über das Parkett und senden ihre tödlichen Strahlen aus. Die Kosten übernimmt die Versicherung der Herstellerfirma, wobei die Museumsleute betonen, dass keine fahrlässige Handlung zu beklagen sein. „Das ist höhere Gewalt“, sagt Buyzynski.

Für die Besucher vor Ort gibt es nur die leicht verschleiernde Mitteilung, ein Teil der Sammlung sei „aus technischen Gründen“ gesperrt. Offenbar möchte das Museum den Eindruck vermeiden, es sei Schädlingsattacken ausgesetzt wie jedes beliebige ältere Gemäuer Berlins. Die Kunstwerke, die noch in den befallenen Räumen verblieben sind – überwiegend große Altäre – würden täglich kontrolliert und ebenfalls mit Stickstoff behandelt, versichert Buczynski.

Für die Besucher ist tröstlich, dass sie jetzt nur vier statt acht Euro bezahlen müssen und von der Masse der Exponate nicht mehr erschlagen werden. Das Museumscafé und der Buchladen bleiben geöffnet. Schade nur, dass der Treppenaufgang unter der Kuppel ebenfalls gesperrt ist. Auf der vierten Stufe steht ein Aufseher mit verschränkten Armen und schüttelt auf Nachfragen mitleidlos den Kopf.

Das Bode-Museum hat schon schlimmere Zeiten erlebt als die Malaise mit „Lyctus“. Seit dem Kriegsende wurde das Haus, das erhebliche Bombenschäden erlitten hatte, ständig repariert. Im Jahr 2000 begann eine gründliche Instandsetzung, die sechs Jahre dauerte. Dafür wurden mehr als 160 Millionen Euro aufgebracht. Wie viel Geld die Parkettkäfer-Bekämpfung verschlingen wird, ist noch nicht abzusehen.

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