Mit Bus und Plan : Was macht ein Doppeldecker an der Oranienstraße?

Passanten wundern sich über einen alten Bus auf einem der letzten unbebauten Gelände an der Oranienstraße. Besuch an einem ungewöhnlichen Ort.

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Eine grüne Oase vor Kreuzberger Kulisse: Das Kjosk in der Oranienstraße 1, direkt am Görlitzer Bahnhof.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Mike Wolff
26.07.2011 16:39Eine grüne Oase vor Kreuzberger Kulisse: Das Kjosk in der Oranienstraße 1, direkt am Görlitzer Bahnhof.

Das rote Bobbycar am Eingang ist schuld. Und die Brausepulvertüten. Auch das Eisangebot, kennt man die mit Orangeneis gefüllten Orangen oder mit Zitroneneis gefüllten Zitronen doch von früher aus dem Italienurlaub mit den Eltern. Kreuzberg hat einen neuen Nostalgieort.

Passanten, die durch das große Eingangstor auf den alten Doppeldecker-Bus blicken, etwas verwunschen zwischen hohen Bäumen und Sträuchern auf einem der letzten unbebauten Grundstücke der Gegend stehend, verleihen ihrem Empfinden gern einsilbig Ausdruck: Oooooh. Schön. Wow. Die Betreiberin Rosmarie Köckenberger, auch Marie genannt, wollte genau das: „ins Herz treffen“. Erinnerungen wachrufen, aber auch verwundern. „Viele sind zunächst überfordert, wissen den Ort nicht genau einzuschätzen“, sagt die 30-Jährige. Was ist das hier, würden viele fragen. Und sich dann erst mal in Ruhe umschauen, gar nichts kaufen, gehen – und bald wiederkommen.

Was ist das also, dieser „Kjosk“ am östlichen Ende der Oranienstraße, direkt in Blickweite zum Görlitzer Bahnhof? Es ist ein Biergarten, denn es gibt viele Biersorten. Es ist ein Restaurant, denn es gibt Pizza und Quiche, demnächst auch Pasta, serviert von der Pizzeria nebenan, deren Macher den Kjosk zusammen mit Marie Köckenberger betreiben. Es ist ein Café, denn es gibt Waffeln, Croissants, Kuchen. Und es ist ein Kiosk, denn es gibt Zeitungen, Sonnenmilch und Hundefutter. Verkauft wird all das in dem weiß lackierten ehemaligen BVG-Bus, der im Obergeschoss Sitzmöglichkeiten bietet und in den 60er und 70er Jahren durch Zehlendorf rollte. Ansonsten nehmen die Gäste an kleinen Tischen unter freiem Himmel Platz, mit karierten Tischdecken und geblümten Sonnenschirmen. Oder sie spielen Tischtennis, verleihen ihren Lederstiefeln an einer Schuhputzmaschine neuen Glanz, arbeiten auf einem etwas in die Jahre gekommenen Heimtrainer an der eigenen Fitness oder schmökern in einer der Hollywoodschaukeln.

Dieser neue Ort ist eine Freizeitoase, in seiner Anmutung etwas provisorisch, verspielt, gleichzeitig ein Gelände zum Verweilen und Abhängen, für Menschen, die zwar erwachsen sind, es aber nicht unentwegt sein wollen. Es ist ein Lebensgefühl, das an diesem Ort bedient wird und das auch schon die Macher der Bar 25 einst mit ihren Konfettipartys und XXL-Planschbecken vermittelten. Es sagt: Im großstädtischen Leben richtig mitzuspielen und sich gleichzeitig Raum für kindlichen Eskapismus und Unvernunft zu wahren, steht in keinerlei Widerspruch. Im kjoskschen Sinne könnte das bedeuten: Ich kann mit dem Bobbycar umherfahren und gleichzeitig dafür plädieren, eine professionelle Weinverkostung in das Kjosk-Programm aufzunehmen.

Noch ist nicht klar, ob der Bus auch an diesem Ort überwintern wird oder ob Marie Köckenberger ein anderes Plätzchen für ihn findet. „Es könnte etwas trist wirken ohne all das Grün der Bäume“, sagt sie. Langfristig hat sie für den Doppeldecker sowieso einen anderen Plan: Sie möchte an den Kotti, ans Kottbusser Tor, mitten auf die Verkehrsinsel, an den Ort also, der seit Jahren als sozialer Brennpunkt verschrien ist, wo sich Drogen- und Alkoholabhängige mit Partyvolk und Anwohnern mischen. Mit der Bezirksverwaltung ist Köckenberger bereits im Gespräch, sie ist optimistisch, ihr Vorhaben irgendwann umsetzen zu können: „Der Kotti ist das Herz von Kreuzberg und gleichzeitig ein Un-Ort. Hier möchte ich eine Oase schaffen, die eine soziale Durchmischung ermöglicht.“ Auch im Kjosk gebe es einen Trinker, der täglich komme und „der mich an Grenzen stoßen lässt“, wie sie sagt. Trotzdem ist jeder willkommen, Herausforderungen wie diese reizen sie.

Bewusst wurde ihr das bereits zu Zeiten des „Flamingo Beach Lotels“. Bis vor vier Jahren betrieb Köckenberger das Hotel in der Lichtenrader Straße 32. Auch dort gab es Gäste wie den Trinker. Nachdem das ganze Haus zwangsversteigert wurde und das Hotel schließen musste, vermisste sie ihre Gäste, auch die schwierigen. Ein neues Projekt musste her. In der Bus-Schrauber-Szene wurde sie schnell fündig.

Oranienstraße 1, Kreuzberg, am Görlitzer Bahnhof, offen ist Mo–Fr ab 9 Uhr, Sa–So ab 11 Uhr, www.kjosk.com

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