Stadtleben : Mit Papa auf die Piste

Auf zur Rennbahn! Raus zum Flughafen! Und immer mit Kind. Wie ein Laden in Prenzlauer Berg engagierte Väter einspannt

Stefan Jacobs

Es musste zuerst hier passieren, wo die Frauen entweder Kinderwagen oder dicke Bäuche vor sich herschieben und die Leistungsträger von morgen vor Schaukeln und Rutschen Schlange stehen. Hier in Prenzlauer Berg hat sich der „Papaladen“ etabliert. Streng genommen heißt der „Väterzentrum“, aber das klingt den Betreibern zu sehr nach Problembär und Treberhilfe. Sie betreuen zwar das ganze Spektrum, von Kind im Bauch bis Kind im Brunnen, aber Letzteres eher am Rande und im Hintergrund.

Vordergründig richtet sich der Laden an den engagierten Vater, der sich aktiv zu seinem Nachwuchs bekennt, statt nur stundenweise im häuslichen Mutter-Kind-Biotop zu gastieren. Im Idealfall handelt es sich um den schwer im Kommen befindlichen Elternzeitling, der mit seinem Baby zum donnerstäglichen Brunch kommt. Vor der Erfindung des Elterngeldes 2007 nahmen gut 3 Prozent der Väter eine bezahlte Auszeit, jetzt sind es rund 15 Prozent. Ärzte, Lehrer, Anwälte. „Sehr gehobene Mittelschicht“, wie Marc Schulte sagt. Als gelernter Sozialarbeiter weiß der 41-Jährige, dass man die Leute „mit niedrigschwelligen Angeboten“ locken muss.

Zur Fußball-WM gab’s Papa-Viewing unter dem Motto „Männer haben auch mal ihre Tage“ mit Beamer, Bionade und mit Bastelecke für die Kleinen. Und am kommenden Montag, also am 27. Oktober, beginnt das offene Training für den „Großen Preis vom Prenzlauer Berg“. Eine Anmeldung für die beiden Renntage am Wochenende darauf wird dringend empfohlen, zumal drei Euro Startgeld pro Vater-Kind-Team – das Mindestalter ist sieben Jahre – und zwei komplette Rennbahnen als Hauptpreise starke Argumente sind.

Am Wochenende davor stand die Besichtigung des Flughafens Schönefeld auf dem Programm. Niedrigschwellige Angebote richten sich demnach vor allem an das Kind im Manne. Gibt’s auch was für Mädchen? Schulte sagt, seine achtjährige Tochter achte darauf, dass der Laden nicht zu jungslastig würde. Wobei die Tochter keine allzu strenge Kontrollinstanz zu sein scheint, da sie kürzlich eine Dartscheibe genehmigt hat. Am Indianerwochenende in der Märkischen Schweiz nahmen wiederum mehr Töchter teil. Aber wer in den Papaladen kommt, passt ohnehin kaum ins alte Rollenschema. Beim Babybrunch am Donnerstag wird eher über Kinderwagen als über Autos gefachsimpelt. Und die neuen Prenzlauer- Berg-Väter kümmern sich nicht um ihre Kinder, um ihre Partnerin für ein paar Stunden zu entlasten, sondern weil es ihre Kinder sind. Noch erreichten 90 Prozent der Familienbildung die Mütter, „aber da ist ganz viel in Bewegung“, sagt Schulte. Auch kämen zwar manche Papaladen- Neukunden beim ersten Mal auf Anregung ihrer Partnerinnen, aber inzwischen erreiche man viele schon beim Geburtsvorbereitungskurs, an dem sie selbstverständlich teilnähmen. Je populärer die seit 2007 mögliche Aufteilung der Elterngeldzeit wird, desto mehr Vollblutväter gedeihen. Eine noch ungewohnte Konsequenz ist die Frage, wie sich Job und Vaterschaft vereinbaren lassen – weil die Karriere für Männer nicht mehr automatisch vorgeht. Der Papaladen veranstaltet sowohl Coachings nach dem Motto „Wie sage ich’s meinem Chef?“ als auch Schulungen für Personalverantwortliche und Familienhelfer. Finanziert wird das Väterzentrum vor allem von der Bildungsverwaltung des Senats. Schulte fände eigentlich eine Bundesförderung angemessen, weil man gewissermaßen ein Modell sei. In Prenzlauer Berg sind die Väter von morgen zu besichtigen. Schulte wundert sich, dass die Familienministerin sich die Chance eines Showtermins im Laden bisher entgehen ließ. Jenseits von Bionadekränzchen und Rennwochenende gibt es die Abteilung „Kind im Brunnen“: Beratung für Problemfälle rund um die Familie. Die erfolgt telefonisch – auch, weil jener Bereich der Kundschaft nur zum Teil aus dem durchsanierten Kiez kommt. Dann melden sich Väter, die ihren Unterhalt nicht zahlen wollen oder können und solche, die ihre Kinder nicht sehen dürfen. Und Schulte merkt, dass die Papa-Revolution gerade erst angefangen hat.

Marienburger Str. 28, Tel.: 28 38 98 61, www.vaeterzentrum-berlin.de

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