Moabit : Vaterunser im Automaten

In der Arminiushalle steht eine Gebetsbox. In allen möglichen Sprachen und mit Musik untermalt bieten die Kästen ein ganz neues Erlebnis bei der Kontaktaufnahme mit Gott.

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Näher, mein Gott zu Dir. Das geht hier seit einem Monat per Automat. Foto: S.-Klaas
Näher, mein Gott zu Dir. Das geht hier seit einem Monat per Automat. Foto: S.-Klaas

Ganz schön gute Stimmung heute beim Mittagsgebet: drei Leute drängen abwechselnd in die schmale Kabine, mal plärrt Musik, mal plärren Stimmen heraus, zwischendrin lachen sie und stecken tuschelnd die Köpfe zusammen. Der Miniauflauf vor dem komischen Automaten fällt richtig auf in der Arminiusmarkthalle in Moabit, die seit dem Umbau und der Wiedereröffnung Ende November noch etwas schütter mit Ständen und Käufern besetzt ist.

Grund fürs Interesse ist der sogenannte Gebetomat, eine umgerüstete Fotobox, die sich der Weddinger Künstler Oliver Sturm ausgedacht hat. Drei davon wandern seit 2008 durch die Welt, außer dem hier in Berlin steht noch einer in Frankfurt am Main und einer im Allgäu. 300 Gebete in 65 Sprachen sind drinnen abrufbar. Zwiesprache mit Gott aus den großen Weltreligionen Christentum, Islam, Hinduismus, Judentum und Buddhismus sowie aus völlig ungeahnten kleinen. Und die aufgekratzte Dreiergruppe – eine junge Irin, die in Berlin lebt, und ihre Eltern – hat offensichtlich jede Menge davon ausprobiert. „Ist ein großer Spaß da drinnen“, sagen sie. Spaß? Beim Beten? „Ja, wegen der exotischen Sprachen und der Musik“, sagt die Mutter, „jetzt suchen wir noch das passende Essen dazu“. Klingt mehr nach Kuriositätenshow als nach religiöser Erbauung. „Beides funktioniert“ findet die Tochter, die die Eltern extra hergeschleppt hat.

Drinnen ist es eng und dunkel. Und wo beim Fotoautomat der Monitor zur Bildauswahl sitzt, leuchtet hier der Touchscreen blau. Tippt man drauf, kommt nicht die Stimme Gottes. „Guten Tag, willkommen im Gebetomat“, säuselt eine Frauenstimme und gibt Servicetipps wie bei der Kundenhotline. Die Auswahl ist gewaltig, allein das Vaterunser gibt es in unzähligen Variationen zu hören: auf Plattdeutsch, gesprochen von vietnamesischen Freikirchlern, gesungen von Papst Benedikt. Und erst die historischen Aufnahmen: Jakuten singen zur Schamanentrommel und da hat doch glatt irgendein Missionar 1908 im fernen Afrika zum Christentum bekehrte Zulus beim Rosenkranzgebet aufgenommen. Putzig und ethnologisch interessant, aber geistliche Erbauung fühlt sich irgendwie anders an. Von draußen lärmen die Gebläse der Markthalle in die enge Kabine, Brathähnchenduft kriecht herein. Und „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein“ ist auch nicht verfügbar. Ein Versuch noch: Augen zu, Vaterunser an. „Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde Dein Name“. Ratsch, der Vorhang geht auf. Wer stört die Andacht? War ja klar, das dänische Fernsehen. Die wollen auch was bringen über den Automaten Gottes in einer Markthalle. Und die Händler? Finden’s bescheuert. Ist eben nichts für bodenständige Marketender, so ein Kunst-Ding. Und für Gottsucher? Nur wenn sie Hähnchen mögen.

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