Mobile Tierarztpraxis : Mit Springerstiefeln und Welpen im Arm

Die mobile Tierarztpraxis „Hunde-Doc“ kümmert sich um die Tiere von Straßenkindern. In dem Bus erhalten sie kostenlos Impfungen und Medizin.

Anne-Dore Krohn

An diesem Tag sind es sechs. Sechsmal weiches Fell und Stupsschnauze. Jeanette Klemmt, die hier alle nur Jenny nennen, sagt nicht „süß“. Sie sagt: „Schon wieder!“ Ob der Nachwuchs nicht zu verhindern gewesen sei? Sie steht in der Tür des umgebauten Krankenwagens, mit den zusammengebundenen Haaren, ihren Jeans und der dunkelgrünen Barbour-Wachsjacke sieht sie jünger aus als 39. Vor dem Wagen haben sich ein Dutzend Jugendliche versammelt, sie schnorren Passanten um Kleingeld an, aus einem Ghettoblaster dröhnt Punkmusik. Hunde springen um ihre Beine und schnüffeln durchs Gebüsch.

Sie habe nicht gewusst, dass ihre Hündin läufig sei, sagt das Mädchen mit der Schirmmütze. „Dit jing so schnell, da konnt ick nich’ mehr zwischen.“ Dom ist 19, seit zwei Jahren, sagt sie, sei sie „stiften“. In einer Hand hält sie eine Bierdose, in der anderen einen Welpen. Den behalte sie, die anderen seien „alle unter“. Wie zum Beweis sind auch die neuen Herrchen da, sie tragen Springerstiefel und Jacken mit Totenkopfaufnähern und im Arm die Welpen, mit stolzen Gesichtern, als seien sie gerade Eltern geworden.

Die mobile Tierarztpraxis parkt auf dem Wismarplatz in Friedrichshain. Einer der festen Standorte, die Jenny als „Hunde-Doc“ seit fast acht Jahren nutzt. In Deutschland ein einzigartiges Projekt: Viermal die Woche versorgt Jenny die Tiere von Straßenkindern, staatliche Unterstützung bekommt sie nicht. Die 60- Prozent-Stelle, die Medikamente und den Wagen finanziert die Stiftung Sozialpädagogisches Institut Berlin (SPI) mit Hilfe von Spendengeldern. Vor kurzem ist einer der Geldgeber abgesprungen, momentan steht das Projekt wieder einmal auf der Kippe. 9000 Euro brauche sie noch für 2008, sagt Jenny. Deshalb hat sich das Projekt auch – erfolgreich – bei der Tagesspiegel-Spendenaktion „Menschen helfen!“ beworben.

Für die Straßenkinder sind die Sprechstunden kostenlos. Die einzige Bedingung: Sie müssen über eines von vier Streetworker-Zentren einen Termin vereinbaren. Am Wismarplatz parkt Jennys Bus gegenüber von Karuna e.V., einer Beratungsstelle für Straßenkinder. Jenny mag diesen Begriff nicht, sie sagt auch nicht Punks oder Stifter. Für Jenny sind es ihre Klienten. Allein in Berlin wird die Zahl der Straßenkinder auf 3000 bis 5000 geschätzt. Etwa ein Drittel von ihnen ist tatsächlich obdachlos, die anderen kommen in Sozialwohnungen oder bei Freunden unter. Da in vielen Notunterkünften Hunde verboten sind, meiden Straßenkinder oft soziale Einrichtungen.

Puck, ein breiter Typ mit Dornenranken-Tätowierung um den Hals, setzt seinen Welpen auf dem Tisch ab. Er habe nicht widerstehen können, auch wenn er sich’s eigentlich nicht leisten könne. Seine Brille hat in jedem Glas einen Sprung, die Bügel sind mit Klebeband umwickelt. „Kannst du überhaupt noch was sehen?“, fragt Jenny. Sie trägt jetzt ein Stethoskop, hört Herz, Lungen und Bronchien ab, setzt die Nadel zur Impfung an. Im Impfpass notiert sie „Gundi“, ein vergleichsweise normaler Name. Ein anderer Hund heißt „Sternburg extra“, nach einer Billigbiermarke. Ein Mädchen nennt seine Ratte „Abfall“, einen hat Jenny überredet, seinen Hund nicht mehr „Copkiller“, sondern „Coppie“ zu rufen. Auch der Name des Besitzers muss in den Impfpass. Der bürgerliche Name, nicht Bubi, Kralle, Asche oder Leuchte, wie sie auf der Straße heißen.

Einen Welpen nach dem anderen untersucht die Ärztin, erklärt, wie oft gefüttert werden muss, wann die nächste Impfung ansteht. Viele Straßenkinder haben sogar mehrere Tiere. Die halten eben zu ihnen, sagt Jenny, bedingungslos. Eine Erfahrung, die viele nie gemacht hätten. Mit der Pflege klappt es leider nicht so gut, Flöhe, Unterernährung, Krätze und Milben behandelt Jenny regelmäßig.

Als vor dem Bus Geschrei und Gekläffe aufbraust, ruft sie: „Wo ist denn hier der Lautstärkeregler?“ Zu einem Jungen mit glasigen Augen sagt sie: „Mensch Mike, du arbeitest ja echt hart dran, älter auszusehn.“ Den Ton hat sie sich erst im Laufe der Zeit angewöhnt. Als sie von der Stelle hörte, damals vor acht Jahren, bewarb sie sich sofort. „Ich hatte nie Berührungsängste“, sagt sie. Obwohl sie selbst eher behütet im Berliner Süden aufgewachsen ist; dort wohnt sie noch jetzt.

Über dem Behandlungstisch im Bus hängen Fotos, über den Tisch, auf rosa Papier, hat sie den Spruch gepinnt: „Behandle die Menschen so, als wären sie, was sie sein sollten, und du hilfst ihnen zu werden, was sie sein könnten.“ Manchmal seien ihre Klienten zwar „gut betankt“ oder „übellaunig“. Richtig unangenehme Situationen aber hat es bislang kaum gegeben. Einmal ist ein Sozialarbeiter dazugekommen, weil bekannt war, dass die Klientin ein Messer bei sich trug. Manchmal kommt es auch zu Handgreiflichkeiten – aber vor dem Bus, „mir gegenüber sind die nie aggressiv“, sagt Jenny, „und Kotzbrocken gibt es ja auch unter den Wohlsituierten“.

Draußen ist es dunkel geworden. Auf dem Bürgersteig wartet ein dünnes Mädchen mit kurzen blonden Haaren unter der Wollmütze. „Mensch, Soja, wann kommst du endlich mal mit Termin!“, ruft Jenny. An diesem Tag geht es nicht um Sojas Hund, sondern um Teufel, der in ihrem rechten Ärmel sitzt. Zwei Tage vorher hat ihr ein Mädchen die Ratte geschenkt, weil die Mutter das Tier nicht erlaubte. Bei Soja wartet keine Mutter. „Ich wollt’ wissen, ob mit dem alles okay ist“, sagt sie, als Teufel auf dem Tisch sitzt. Jenny betrachtet Sojas dünne Jacke. „Ich sag’s ja nur ungern, aber hast du mitbekommen, dass wir Winter haben?“ Mit vierzehn ist Soja ausgezogen, hat vier Jahre Obdachlosigkeit hinter sich und betreutes Jugendwohnen. Inzwischen kriegt sie ihr Leben ganz gut auf die Reihe, hat eine kleine Wohnung und holt die Realschule nach.

Als Letzter kommt David, eine halbe Stunde nach Ende der Sprechstunde. Die Haut am Bauch seiner Hündin ist rot und wund. Als Jenny sie festhält, schnappt die Hündin zu. Zwei Finger bluten, im Ringfinger hat ein Zahn einen keilförmigen Abdruck hinterlassen. „Au, tut das weh“, zischt Jenny leise, „so eine Scheiße.“ Im Wagen ist es still. David holt einen Maulkorb aus der Tasche und legt ihn der Hündin an, dann zieht er seine Kapuze über den Kopf und wartet. Jenny lässt sich von ihm eine Zigarette anzünden, nimmt tiefe Züge und bläst den Rauch aus dem Seitenfenster. Dann greift sie zum Handy und verschiebt ihre Klavierstunde. „Zum Glück bin ich von Hacken bis Nacken geimpft“, sagt sie in den Hörer, „aber den Finger spüre ich nicht mehr.“

Mit der unverletzten Hand untersucht sie den Hund weiter. „Milben“, diagnostiziert sie. Sie kramt Ampullen heraus und erklärt David, dass er nicht zu früh mit der Behandlung aufhören dürfe. Als David aus dem Wagen springt, knufft er seine Hündin in die Seite. „Mensch, Frollein“, sagt er zu ihr, „also echt.“

Jenny räumt auf, langsam kehrt wieder Gefühl in ihren Finger zurück. Sie hätte gerne eine volle Stelle, um mehr Tiere zu behandeln. Und langfristig? Sie überlegt, ihre Hände, die gerade noch mit dem Sortieren der Instrumente beschäftigt waren, bleiben einen Moment still. Aufhören würde sie nur, wenn jemand den „Hunde-Doc“ in ihrem Sinne weiterführen würde, sagt sie. „Und da find’ mal jemand, der genauso verrückt ist wie ich!“

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