Mode aus der Hauptstadt : Berliner Designer: Willkommen zu Hause

Nicht wenige deutsche Modemacher haben sich in Paris und London, in New York und Mailand einen Namen gemacht. Es ist ein besonderer Erfolg der Berliner Fashion Week, dass einige von ihnen ihre Kollektionen zum ersten Mal in Deutschland zeigen

Kaviar Gauche Foto: ddp
Haarige Sache. Die Macherinnen des Labels Kaviar Gauche schickten ihre Models am Donnerstagabend auf den Laufsteg. -Foto: ddp

Kaviar Gauche: Einfach kompliziert


Aller Anfang ist schwierig. Für Johanna Kühl und Alexandra Fischer-Roehler von Kaviar Gauche war das wegweisend. Ihre erste Kollektion im Jahr 2004 war so konstruiert, dass man einen Rock in eine Tasche und eine Tasche in einen Zeitschriftenständer verwandeln konnte. Immer noch tauchen Haken und Ösen und verschlungen aneinander genähte Stoffteile in ihren Entwürfen auf. Aber heute gelingt es den Designerinnen, klar erkennbare Stücke zu entwerfen. Wie ihre Lampignontaschen (Bild oben) und ihre unter der Brust weich fallenden Abendkleider, die süß und niemals zickig aussehen. ( Mehr zufällig haben sie festgestellt, dass es sich in diesen Kleidern gut heiraten lässt, und eine Hochzeitslinie etabliert.) „Ich frage mich manchmal, wie wir das alles geschafft haben“, sagt Johanna Kühl. Es ist, als hätten sie damals einen Teppich ausgerollt, auf dem sie heute tanzen können. Inzwischen haben sie einen stillen Teilhaber, der ihnen ermöglicht, teurere Stoffe einzukaufen und im Frühjahr eine Schmuckkollektion mit verknoteten Kettengehängen auf den Markt zu bringen. In ihrem Atelier in der Torstraße arbeiten heute mehrere Festangestellte. Und sie haben genug Geld zur Verfügung, um ihre Mode von Models vorführen zu lassen. Zweimal haben sie das schon in London getan, jetzt sind sie erstmalig bei der Mercedes-Benz Fashion Week dabei. Der Zeitpunkt ist genau richtig für Kaviar Gauche: „Berlin wird immer glamouröser“, findet Johanna Kühl. Und genau das passt zu Kaviar Gauche, von Anfang an. „Wir gehören zu einem Wurf von Leuten, die in Berlin schon vor einiger Zeit Mode jenseits vom Kartoffeldruck machen wollten“, sagt die 29-Jährige. Tatsächlich gehören sie zu der Handvoll Vorzeigelabels, die immer genannt werden, wenn es um die Entwicklung Berlins zur Modestadt geht. GTH

Felder Felder: Rock'n' Roll in Leder
Für Felder Felder ist Modemachen kein einsames Geschäft. Felder Felder sind die Zwillingsschwestern Annette und Daniela Felder. Gemeinsam entwerfen sie Kleidung, gemeinsam kommen sie auch nach Berlin, um die Abschlussschau der Fashion Week vorzubereiten. Annette Felder hält Deutschland für einen schlafenden Giganten. In London sei es gerade ein wenig deprimierend. „Aber die Krise bringt uns in die Realität zurück.“ Und weil man ihre Kleidung hier noch nicht kaufen kann, hielten die beiden es für eine gute Idee, mit ihren Entwürfen Berlin zu besuchen. Leder ist das wichtigste Material für die Schwestern, für sie ist das Rock’n’Roll – etwas Wildes eben. Dass sie Designerinnen werden wollten, stellten sie früh fest. Als Teenager modelten sie für einen Londoner Designer. „Der hat uns dann ans renommierte St. Martins College gebracht.“ Dort studierte Annette Modekommunikation und Daniela Design. Anders als viele der anderen Absolventen wie Gareth Pugh und John Galliano geht es ihnen nicht darum, mehr Theaterkostüm als Kleidung für den Alltag zu machen. „Wir wollen tragbar, aber auch aufregend sein.“ Vielleicht ist das auch der pragmatische deutsche Anteil in ihnen, vermutet Annette Felder. Trotzdem werden sie ganz selbstverständlich als Bestandteil der großen Londoner Modeszene von der britischen Presse genannt. Und hier fühlen sich die Felder-Schwestern, die in Wipperfürth bei Köln aufwuchsen, auch daheim. GTH

Schumacher: Kühl mit Rüschen
Klar und verspielt, pur und geschmückt, ladylike und mädchenhaft – Dorothee Schumacher versteht es, Gegensätze zu vereinen. Für die aktuelle Sommerkollektion wurden fließende, matt glänzende Materialien in hellen Farben zu ganz nüchternen Schnitten verarbeitet. Hier und da ist eine angedeutete Rüsche am Ausschnitt eingestreut, eine einfache Lederblume am superschmalen Gürtel, eine paillettenbesetzte Leiste. Auch ein gerade geschnittener, pastellfarbener Paillettenrock ist zu einem schlichten Oberteil kombiniert, und unter einem Jäckchen lugt eine durchsichtige Bluse heraus; Schleifenbänder wehen am Halsausschnitt, nicht gebunden, sondern nur locker übereinandergelegt. So ist der Look der Marke Schumacher, seit die Designerin Ende der achtziger Jahre ihre erste Minikollektion auf der Modemesse Igedo in Düsseldorf präsentierte. Damals verzierte sie T-Shirts mit Satinbändchen und Zackenkäntchen und setzte so einen Akzent gegen den allgegenwärtigen strengen Businesslook. Erste Aufträge folgten schon auf diese erste Schau; heute ist Dorothee Schumacher Mutter von vier Kindern und leitet in Mannheim ein Unternehmen mit 80 Mitarbeitern, das 680 Häuser in 38 Ländern beliefert.

„Wir vereinen gerne Gegensätze in einem Teil. Genau wie auch in jeder Frau ganz unterschiedliche Facetten stecken.“ Fünf Designteams – Jersey, Strick, Sportswear, Konfektion, Accessoires – , Näherei und Schnittabteilung arbeiten heute an dem Stil, der Frauen in Tokio ebenso anspricht wie in New York, Dubai und Düsseldorf. Mehr als 50 Prozent ihres Umsatzes macht die Firma Schumacher im Ausland. Bisher wurden die Kollektionen in Düsseldorf, aber auch in Mailand und New York präsentiert. Auf der Berlin Fashion Week zeigt Schumacher in dieser Saison zum ersten Mal. S.N.

Bernhard Wilhelm: So viel Leichtigkeit
Der Mann hat keine Angst vor Klischees. Überhaupt ist Bernhard Wilhelms Mode völlig angstfrei. Er verarbeitet die roten Bommel der Schwarzwaldhüte, Muster von gotischen Wandteppichen und bayerische Lederhosen, stickt Dinosaurier auf Röcke mit Tischdeckenfutter und steckt Männer in Pumphosen. Wenn er sich mit einer mannshohen Pappbratwurst fotografieren lässt, bleiben kaum Zweifel an seiner Herkunft. Vielleicht kann er mit so viel Leichtigkeit all das Deutsche verarbeiten, weil er vor fast 20 Jahren die schwäbische Heimat verließ, um sich in Antwerpen zum Designer ausbilden zu lassen. Inzwischen lebt er in Paris und präsentiert auch dort seine Männer- und Frauenkollektionen. Normalerweise – denn morgen Abend zeigt er zum ersten Mal nicht an der Seine, sondern im Postbahnhof am Ostbahnhof. Eine Laufstegdarbietung darf man nicht erwarten. Bernhard Willhelm lässt seine Models kriechen, klettern, und Zirkeltraining absolvieren. Diesmal baut er einen experimentellen Berg aus Holz, den die Models in teils knappen Outfits bevölkern sollen – der Titel seiner Kollektion lautet „Innsbruck 1976“. Die Sonnenbrillen hat das Berliner Label Mykita beigesteuert. Ein bisschen wird Willhelm gefeiert wie der verlorene Sohn. Da gibt er sich bescheiden: „Wir sind vielleicht nicht das größte Ereignis, aber sicherlich das lustigste. Es macht mir viel Freude, auch der verbissensten Moderedakteurin ein Lächeln abzuringen.“ Darum, hierzulande mehr Kleidung zu verkaufen, geht es ihm nicht: „Wir wollen in erster Linie zeigen, was wir machen, und andere Blickpunkte und Visionen von Mode eröffnen. Wir sind idealistisch tätig.“ GTH

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