Stadtleben : Models und Metropole

Alexander Gnädinger kombiníerte für seine Fotos Berliner Architektur mit Berliner Fashion

Grit Thönnissen

Still ist es in Alexander Gnädingers Fotostudio. Die Schminktische liegen im Dunkeln, die Scheinwerfer sind aus. Der Fotograf mag diese Stimmung, wenn mal nichts passiert. Denn eine Reise nach China steht bevor, wo er Spitzensportler für Olympia vor der Chinesischen Mauer aufnehmen soll. Eben noch saß Gnädigner in der Jury für den Lead-Award, einem wichtigen Preis für Fotografie und eröffnete seine eigene Ausstellung im Kaufhaus Galeries Lafayette. Er zeigt dort Bilder einer Modestrecke, die er für das neue Buch „Berlin Fashion – Metropole der Mode“ gemacht hat. Rund 40 Berliner Modemacher werden hier vorgestellt – zehn von ihnen gaben ihre Kleidung für die Fotos. „Die Idee war, Berliner Mode vor Berliner Architektur abzulichten“, sagt Gnädinger.

Er hat sich schließlich dafür entschieden, Architektur und Mode auf zwei Bildern gegenüberzustellen: Deshalb baute er mit der Setdesignerin Annika Lischke die passenden Kulissen für die Modeaufnahmen – auf „Berliner Art“. Das bedeutet: Alles ist improvisiert und einfach. Zum Beispiel umwickelten sie Stativstangen mit Alufolie. „Mit Alufolie zu arbeiten, ist ganz schlimm und billig. Aber viele Friseure in Berlin verwenden das Material sehr gern als Schaufensterdeko.“ In die Kulisse drapierten die beiden das Model Janine in einem knallblauen Abendkleid von Michalsky. Janine kommt, wie alle Fotografierten auf den Bildern, aus der Stadt und hat eine typische Berliner Eigenschaft: „eine große Klappe“, so Gnädinger. Das sei ihm schon öfter aufgefallen. „Models von hier mischen sich gern ein.“

Mit dem neuen Buch konnte Gnädinger seine beiden Lieblingsthemen Architektur und Mode verbinden. Immerhin lebt er seit der Reichstagsverhüllung 1993 hier. Damals begann der jetzt 37-Jährige sein Studium am Lette-Verein. Immer wieder hat er seitdem Berliner Gebäude von innen und außen fotografiert. Für das Projekt hat er nicht nach den architektonischen Höhepunkten gesucht, sondern nach dem, was Touristen nicht interessiert.

In der Mode kann der Fotograf seinen Hang zur Inszenierung ausleben: „Du kannst alles verändern, die Kulissen, die Models, die Kleidung, die Geschichten.“ Dass die Oberflächen nicht alle echt sind, erklärt er auch Schülern in einem gemeinsamen Projekt mit der Universität Potsdam. „Damit ihnen klar wird, wie das perfekte Bild eines Models durch Make-up und Retusche entsteht.“ Er wolle zeigen, wie wenig diese Schönheiten mit der Realität zu tun haben. Überhaupt wird ihm der moralische Aspekt seiner Arbeit immer wichtiger. Dafür reist er auch schon mal mit einer Polaroidkamera nach Moskau, Tallin und Kiew. Dort fotografiert er Models: „Nur mit diesem Billigapparat, ungeschminkt und wie sie es wollen.“ Die Mädchen suchen sich dann das Bild aus, auf dem sie sich am besten gefallen. „Für viele war es das erste Mal, dass sie nach ihrer Meinung gefragt wurden. Viele setzen sich intensiv mit ihrem Körper auseinander – aber darüber sprechen, wie sie ihn sehen, können sie nur sehr selten“, sagt Gnädinger. Ein Buch will er dazu veröffentlichen, „100 Girls on Polaroids“. Noch fehlen ihm 20 Bilder, „aber eigentlich will ich nicht fertig werden, diese Arbeit hat meine Sehgewohnheiten so sehr verändert.“

Die Ausstellung „Berlin Fashion – Metropole der Mode“ ist bis 23.2. in den Galeries Lafayette zu sehen. Das Buch von Nadine Barth mit gleichem Titel erscheint am 1.2., DuMont-Verlag, 29,90 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben