MTV Awards : Rot gewinnt

Die letzten Tickets wurden verschenkt – an 60 bunt Gekleidete. Und vor den Luxushotels der Stadt warten Fans auf ihre Stars

Jana Peters
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Rot, rot, rot sind alle meine Kleider. Wer Klamotten in der kräftigen Farbe trug, konnte sich in Mitte kostenlose Tickets für die...Foto: Davids

Der Fan ist eine besondere Spezies. Er reist seinem Star überall hinterher, harrt selbst bei Regen und Kälte vor den Luxushotels dieser Welt aus und weiß einfach alles über sein Idol. Von Weitem ist er an Plakaten aus Pappe zu erkennen, auf die er den Namen seines Angebeteten geschrieben hat.

Da gestern U2 am Brandenburger Tor auftreten und in der O2-Arena die „MTV Europe Music Awards“ (Ema) verliehen werden sollten, war so mancher Fan in der Stadt zu beobachten. Inoffizieller Treffpunkt für viele war das Fünf -Sterne-Hotel Ritz-Carlton am Potsdamer Platz. Dort sollten Musiker wie Katy Perry, Beyoncé, Jay-Z, David Hasselhoff, Lady Gaga und U2 nächtigen. Aber deren Fans waren eindeutig in der Minderheit. Die meisten wollten nur eine Band sehen: Tokio Hotel.

Die 16-jährige Veronika Slabochova ist extra mit ihren fünf Freundinnen vom tschechischen Fanclub der Band aus Prag angereist. „Dank Tokio Hotel sind wir Freunde, nur durch die Konzerte kennen wir uns“, erzählt sie. In eine Thermodecke gehüllt versucht sie, es sich so bequem wie möglich auf dem Pflaster vor dem Hotel zu machen. Die Freundinnen sind sich zu 90 Prozent sicher, dass die Musiker um Bill Kaulitz auch tatsächlich im Ritz eingecheckt haben. Gesehen haben sie ihre Stars aber heute noch nicht. „Das letzte Mal konnten wir sie in Freiburg vor ,Wetten,dass ...’ sehen“, erzählt Veronika. Ihre Freundin Alena Pospisilova (20) hat 2007 ein „Meet and Greet“ mit Tokio Hotel gewonnen. „Da habe ich Bill mein Tattoo gezeigt.“ Mit diesen Worten schiebt sie ihre Regenjacke im Nacken etwas nach unten und präsentiert – in schnörkeliger Schrift – den Namen „Bill“.

Neben den beiden Tschechinnen stehen Alexandra Schmidt (19) und Annelie Sliva (18) aus Leipzig. „Wir haben Karten gewonnen!“, jubeln sie. Die beiden sind sozusagen „professionelle Fans“. Sie würden Bill Kaulitz sogar ungeschminkt erkennen. „Im nächsten Jahr werde ich auf elf Konzerten im Ausland sein“, berichtet Alexandra. „Sind wir krank?“, fragt ihre Freundin Annelie und lacht. „Aber aus dem Kreisch-Alter sind wir definitiv raus“, fügt Alexandra hinzu. „Man merkt, dass sich die Jungs richtig freuen, wenn man ihnen mal nicht ins Gesicht schreit, sondern mit ihnen reden möchte.“

Ein paar Schritte weiter, am Hintereingang das Hotels Adlon, stehen nur drei Fans. Sie kommen aus Belgien und sind morgens von ihrem Hotel an der O2-Arena am Ostbahnhof bis zum Adlon Unter den Linden zu Fuß gelaufen. „Das sah auf dem Plan irgendwie kürzer aus“, meint die 17-jährige Kim Vermeulen und lacht. „Wir haben die Stylistin von Tokio Hotel hier gesehen, darum glauben wir, dass die Jungs auch hier sind“, meint ihre Freundin Anghrarad De Temmerman (18). Sollten sie mit ihrer Vermutung recht haben, hätten sie ihre Idole jedenfalls ganz für sich allein.

Um die Ecke, vor dem Brandenburger Tor, wartet bereits ein Grüppchen von Fans auf U2. Sie haben zwar Karten für das Konzert, sind aber trotzdem schon um zehn Uhr früh gekommen, um am Abend ganz vorn mit dabei zu sein. „Hier ist ja nix los“, meint Oliver Hüfer (40) aus Siegen, der ein T-Shirt mit Autogrammen der Bandmitglieder trägt. „In Dublin haben wir zwölf Stunden gewartet.“ In ihrer Liebe zu den Stars unterscheiden sie sich kaum von den Teenagern vorm Ritz-Carlton. Nur ihre Art, sich warmzuhalten, ist anders: Sie trinken Bier.

Gegen 12 Uhr sind auf der Rochstraße in Mitte vor dem „be Berlin Stadtladen“ Jubelschreie zu hören. MTV verschenkt an alle, die etwas Rotes anhaben, letzte Tickets für die Preisverleihung. Erst ist von 100 Tickets die Rede, doch dann ist schon nach 60 Schluss. Die letzten elf werden auf dem Bürgersteig verlost – unter anderem für das beste Outfit. Rot gekleidete Menschen fallen sich glücklich in die Arme. Unter ihnen die 33-jährige Jana Schirrwagen aus Prenzlauer Berg. Sie weiß schon, was sie anziehen wird: Nichts Rotes. „Das kleine Schwarze“, da ist sie sich sicher. Jana Peters

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