Stadtleben : Muff macht glücklich Déjà-vu-Momente im Heizkraftwerk: Der Tresor feiert Auferstehung

Nana Heymann

Die Leidensfähigkeit ist es, die in dieser lauen Nacht den wahren Fan vom bloßen Schaulustigen unterscheidet. Der Schaulustige steht schick zurechtgemacht am Straßenrand, den Massenandrang vor dem hell erleuchteten Gebäude an der Köpenicker Straße in Mitte amüsiert im Blick. Der wahre Fan lässt sich stundenlang an Gittertore drücken und verzichtet auf die Unversehrtheit seines Outfits. Er trägt ohnehin lieber ein abgerocktes T-Shirt mit Logo und Schriftzug. Darauf das Schlagwort, das sie alle lockt: Tresor. Der berühmte Technoclub feiert seine Wiederauferstehung im ehemaligen Heizkraftwerk Mitte.

Hunderte Menschen stehen seit dem frühen Donnerstagabend vor den Eingängen, versperren Gehweg und Fahrbahn. Hupende Autos können sich nur mühsam an den Wartenden vorbeidrängeln. Polizisten sind auch da, vorsichtshalber, aus einem Mannschaftswagen heraus beobachten sie die Menge. Dass die sich gegen halb zwölf nur millimeterweise vorwärts bewegt, hat nicht nur etwas mit den strengen Sicherheitskräften zu tun, die ihren Job sehr ernst nehmen und die Besucher gründlich kontrollieren. Noch kurz zuvor sind Mitarbeiter des Bauamtes von Mitte auf dem Gelände, um letzte Umbauten zu begutachten. Dann, kurz vor elf, erhält Betreiber Dimitri Hegemann endlich den erlösenden Anruf: Die Party darf beginnen.

Nur mit Mühe kann sich Hegemann den Weg durch die Massen bahnen. Die Zeit vor dem Startschuss hat er in einem Restaurant verbracht, um seine Nervosität durch Ablenkung zu bekämpfen. Als er mit Star-DJ Sven Väth das Kraftwerk betritt, klopfen ihm bei jedem Schritt langjährige Wegbegleiter auf die Schulter, gratulieren zur Neueröffnung. Der große Zuspruch überwältigt ihn: „Ich hätte nicht gedacht, dass der Tresor noch so viele Menschen anzieht.“ Knapp 1500 Besucher erwartet das Team um den Clubbetreiber zur Premiere.

Die Frage des Abends: Reicht der neue Standort an die ehemaligen Räume an der Leipziger Straße ran? Kann man so etwas wie den Tresor an anderer Stelle wiederauferstehen lassen? In den strahlenden Gesichtern der Partygäste ist die Antwort zu lesen. Lächeln. Glückseligkeit. Euphorie. In die Luft gereckte Hände. Gegen zwei ist die Tanzfläche im ehemaligen Batterieraum des Kraftwerks voll. Sven Väth spielt sein Set, versetzt die Menge in Trance. Zwei Stockwerke tiefer, im Keller des Hauses, läuft harter Techno. Zuckendes Stroboskop-Licht lässt eine bizarre Kulisse aus grauen Mauern und Stahlgittern sichtbar werden. Der Geruch der feuchtkalten Kellerluft erinnert an den alten Tresor. Nie hat Muff besser gerochen. Déjà-vu-Momente erleben die Besucher auch in der „+4 Bar“. Dort sind einige der berühmten rostigen Schließfächer aufgestellt. Die hüfthohen Erinnerungsstücke werden nun als Sitzgelegenheit genutzt, ungeachtet der Gefahr, dass sie die Kleidung dreckig machen. Der wahre Tresor-Fan stellt diese Spuren stolz zur Schau wie der frisch Verliebte seine Knutschflecken.

Noch bis einschließlich Sonntag feiert der Tresor an der Köpenicker Straße 73 in Mitte seine Eröffnung. Als DJs sind unter anderem Heiko Laux und Todd Bodine angekündigt. Beginn 23 Uhr.

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