Museumsnacht : Die Kunst der Stunde

Am Sonnabend ist wieder Lange Nacht der Museen in Berlin. Diesmal dreht sich alles um die Zeit. 40.000 Besucher werden erwartet.

Oriana zu Knyphausen,Sebastian Leber
Lange Nacht der Museen Foto: ddp
Die Lange Nacht der Museen: Mit dem Bus können die Besucher zwischen den Museen pendeln. -Foto: ddp

Die Zeit hat bei der Langen Nacht der Museen bisher nur am Rande eine Rolle gespielt. Nämlich bei der Frage: Wie viel Stunden habe ich noch? Und durch welche Häuser muss ich in der verbleibenden Zeit hetzen, damit sich der Eintrittspreis gelohnt hat?

Am Sonnabend soll das anders sein. Denn bei der 22. Ausgabe der Langen Nacht lautet das Oberthema schlicht: „Zeit“. Jedes Haus will sich dem Thema mit einem eigenen Zugang nähern: Im Alten Museum wird Kindern gezeigt, wie die Ägypter früher ihre Pharaonen mumifiziert haben, das Museum für Kommunikation will in Führungen vermitteln, dass durch Handys und Computer alles schneller geht – und dass man trotzdem immer weniger Zeit hat.

50 Häuser sind dieses Mal dabei, bei früheren Langen Nächten waren es bis zu 80. Das hat in den vergangenen Wochen für Ärger gesorgt – vor allem, weil die Organisatoren der Kulturprojekte GmbH erstmals nur bestimmte Häuser zur Teilnahme eingeladen haben. Die ausgeschlossenen Häuser bleiben offiziell diplomatisch. Aber hinter vorgehaltener Hand wird geflucht.

Lange-Nacht-Mitinitiator Bernhard Graf vom Landesverband der Berliner Museen sieht sich keiner Schuld bewusst: „Konzentration ist der Königsweg. Wir wollten eine thematische Fokussierung und haben überlegt, in welchen Museen die Zeit am besten entdeckt werden kann.“ Die getroffene Auswahl wirkt teilweise recht konstruiert. Der Dom etwa wurde eingeladen, weil er „Unendlichkeit“ repräsentiere und damit ausgezeichnet zum Oberthema passe.

Immerhin: Die teilnehmenden Häuser haben sich viel Mühe mit der Programmplanung gegeben. Und der Besucher wird nicht nur mit Musik, Filmen und originellen Führungen unterhalten, sondern kann richtig was lernen. Zum Beispiel, dass unsere heutige Vorstellung von Zeit keine Selbstverständlichkeit ist: Die Mayas – das erfährt man in den Museen Dahlem – stellten sich die Zeit als Zyklus vor. Nach 52 Jahren war Schluss, dann ging alles wieder von vorne los. Und im Jüdischen Museum kann man lernen, dass für Juden der neue Tag schon mit Einbruch der Nacht beginnt. Der Feiertag Sabbat beginnt also schon freitags – und zwar genau dann, wenn die ersten drei Sterne am Himmel stehen, sagt Kuratorin Michal Friedlander. Im Haus an der Lindenstraße, vor dem seit dieser Woche aus Sicherheitsgründen Betonquader stehen, geht es auch poetisch zu. Schauspieler Ulrich Matthes liest aus dem Buch Salomons. Da heißt es etwa: „Ein Jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“.

Besonders viel Mühe hat man sich im Deutschen Historischen Museum gemacht. Generaldirektor Hans Ottomeyer kennt sich aus mit dem Thema Zeit, er hat vor acht Jahren bereits eine ähnliche Ausstellung in Kassel organisiert und war der Ideengeber für die Lange Nacht. „Zeit ist das Kostbarste, was wir haben“, sagt er. „Und wir gehen verschwenderisch damit um.“ Sein Haus nähert sich dem Oberthema über die Geschichte der Zeiteinteilung und Messung. Der Besucher erfährt, dass die Römer schon früh über die genaue Uhrzeit Bescheid wussten – mit Hilfe von Wasseruhren. Nördlich der Alpen funktionierten die leider nicht, sagt Ottomeyer. Sie froren zu oft ein.

In Mitteleuropa waren Uhren lange den Kirchen und Rathäusern vorbehalten. Erst im 15. Jahrhundert wurde die Zeit „privatisiert“, in Form kleinerer Uhren für den Hausgebrauch. Und mit dem Ausbau der Eisenbahn wurde die Einhaltung der Zeit plötzlich lebensnotwendig: Nicht abgestimmte Fahrpläne sorgten für viele Unfälle. Allerdings galten damals noch Ortszeiten, erst 1893 wurde im Deutschen Reich per Gesetz eine einheitliche Zeit eingeführt. Hans Ottomeyer verspricht noch mehr Aha-Effekte. Zum Beispiel die Sache mit dem Spruch „Zeit ist Geld“. Der hat mit der Industrialisierung zu tun. Zeit ist auch politisch: So erfand die Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert die „8-Stunden-Taschenuhr“, die sollte Alarm schlagen, wenn jemand genug gearbeitet hatte.

Das DDR-Museum in Mitte nutzt die Lange Nacht, um ein neues Projekt zu starten: Das Haus will einen Zeitzeugen-Pool aufbauen. Wer am Sonnabend Zettel ausfüllt, wird in eine Datenbank aufgenommen und kann später seine DDR-Erlebnisse wahlweise an Schulklassen, Studenten oder Dokumentarfilmer weitergeben. „Sehr gefragt sind Teilnehmer an 17.Juni-Demonstrationen oder Menschen mit besonderen Wendeerlebnissen“, sagt Direktor Robert Rückel. Aber auch Bürger mit Alltagserfahrungen seien willkommen. Es reiche schon aus, wenn sich jemand zu DDR-Zeiten eine Datsche gebaut habe. „Die Betroffenen wissen: Auch so etwas konnte ein ziemliches Abenteuer sein.“

Und noch eine Premiere soll es zur Langen Nacht geben: In der Gemäldegalerie wird die neue Internetseite www.museumsportal-berlin.de vorgestellt. Hier werden künftig alle neuen Ausstellungen und sonstigen Veranstaltungen in Berlins Museen bekannt gegeben. Ein Termin steht schon fest: Am 30. August findet die nächste Lange Nacht statt. Und dann, versprechen die Veranstalter, dürfen auch wieder alle Museen mitmachen.

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