Musik : Doktorspiele nach Noten

Das Akademische Orchester gibt es seit 100 Jahren. Am Sonntag feiern die Musiker das Jubiläum mit ihrem Sommerkonzert auf Schloss Diedersdorf.

Udo Badelt
Akademische Orchester
Der Lockruf der großen Werke. Das Akademische Orchester Berlin, hier mit dem Vorsitzenden Ulrich Siegers, geht gerne auch mal...Foto: David Heerde

BerlinSchubert kann ganz schön schwer sein - obwohl die fünfte Symphonie so federleicht beginnt. Dirigent Peter Aderhold klopft zweimal in die Hände, die Musiker des Akademischen Orchesters Berlin (AOB) senken ihre Instrumente, die Musik erstirbt. "Da fehlt mir noch ein bisschen die Selbstverständlichkeit", sagt er, "die Begleitung lehnt sich innerlich zu sehr zurück. Am besten, ihr sitzt die ganze Zeit auf der Stuhlkante, auch wenn die Motive mal über längere Zeit gleich bleiben. Dann müsst ihr euch nicht immer erst hochholen, wenn sich was ändert." Also nochmal von vorne - und diesmal schimmert das Glück der Schubert'schen Musik schon stärker durch, die immer mit ein paar Tränen angereichert zu sein scheint.

Die Musiker, die sich in der Steglitzer Dunant-Grundschule auf ihr Sommerkonzert am Sonntag vorbereiten, spielen in einem der ältesten Orchester der Stadt. Das AOB gibt es bereits seit 100 Jahren, nur die Staatskapelle, die Philharmoniker und das Orchester Berliner Musikfreunde haben eine längere Geschichte vorzuweisen. Beim Sommerkonzert am Sonntag auf Schloss Diedersdorf wird das Jubiläum noch einmal gefeiert, das Ensemble spielt Beethovens "Ouvertüre zu Prometheus", Reineckes "Ballade für Flöte und Orchester" und eben Schubert.

Bis heute spiegeln sich im Namen die studentischen Anfänge. Die Geschichte beginnt im März 1908 mit einem Aushang am schwarzen Brett der Friedrich-Wilhelm-Universität, der heutigen Humboldt-Uni. Jurastudent Ludwig Misch, der Dirigent werden wollte, sucht Kommilitonen, die ein Instrument beherrschen. Aus dem Kammerensemble, das zunächst als Verbindung organisiert ist, wird schnell ein richtiges Orchester, das in den Zwanzigern sogar nach Schweden reist. Während der Nazizeit bleibt das AOB stumm. 40 Prozent der Musiker sind jüdisch, die anderen weigern sich zu spielen, aus Solidarität oder weil sie selbst mit den Nazis sympathisieren.

"Es liegt immer an den Menschen"

Es gibt viele Laienorchester in Berlin, wieso hat sich ausgerechnet dieses so lange gehalten? "Das liegt immer an den Menschen", sagt der Vorsitzende Ulrich Siegers. Die entscheidende Rolle spielte einer seiner Vorgänger, der Wilmersdorfer Zahnarzt Georg Mantze, der schon bei der Gründung 1908 dabei war. Er baute das Orchester nach dem Krieg als West-Berliner Formation wieder auf. 14 Dirigenten hatte das AOB bis heute, zuletzt Andreas Schüller, der so erfolgreich war, dass er 2003 an die Wiener Volksoper abwanderte. Seitdem leitet Peter Aderhold das Orchester.

Studenten sind heute nur noch neun dabei. Die Tendenz ist aber wieder steigend, der Altersdurchschnitt fiel zuletzt von 57 auf 55 Jahre. Eine akademische Ausbildung haben immer noch die meisten der rund 70 Mitglieder. Viele sind Ärzte oder Lehrer, 22 sind promoviert, drei habilitiert. Wer einmal beim AOB ist, bleibt es in der Regel ein Leben lang. In den Sechzigern gingen sechs Ehen aus dem Orchester hervor, heute spielen teilweise die Kinder mit. Das jüngste Mitglied ist der 16-jährige Paukist Levin Cürlis, dessen Vater und Onkel als Paukenprofis beim NDR-Sinfonieorchester und bei den Bamberger Symphonikern arbeiten.

"Die größte Motivation für uns", sagt Siegers, "ist es, selbst einmal die großen Werke zu spielen, ohne dass es dabei zum Dienst wird." Kunst als Dienst - vor allem Konzertmeister Heinz Ortleb weiß, was das heißen kann. Bis zur Pensionierung spielte er zweite Geige bei den Philharmonikern. Jetzt sitzt er in der Probe, die inzwischen beim dritten Satz angelangt ist. Zufrieden ist er noch nicht: "Nach dem Motiv der ersten fünf Takte muss eine andere Welt beginnen." Peter Aderhold schlägt vor, an dieser Stelle eine Pause von einer Sekunde zu machen. Es funktioniert.

Mehr Infos zum Sommerkonzert gibt es im Internet unter www.aob-ev.de, Telefonkontakt unter 802 60 36.

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